Start in die Freiheit
Fremdartige Demokratie
Der 8. Mai 1945 war ein Datum,
das 1995 die Bürger überall in der Bundesrepublik bewegt hat.
50 Jahre Kriegsende, 50 Jahre Ende der Nazidiktatur.
Ebenso interessant ist aber die Nachkriegsgeschichte,
die Aufbaujahre der Demokratie -
jener Staatsform, die uns heute selbstverständlich erscheint,
die für die Menschen damals etwas Neues, fast Fremdartiges war.
Nur mit Scheu nahmen auch die Bürger im amerikanisch besetzten Wolfratshausen von der Demokratie Besitz.
Eindrucksvoll belegen dies etwa die Sitzungen des Kreistags.
Von ihnen wollen wir in den folgenden Kapiteln berichten.
Grundlage der Artikelreihe sind die Protokolle des Kreistags
in der Periode von 1946 bis 1952. Sie sind in der Registratur
des Landratsamts gesammelt worden sind.
Wir möchten mit der Serie auch auf die Pionierarbeit
der damaligen Politiker aufmerksam machen.
Manche Namen sind heute noch wohlbekannt,
der des Landrats Willy Thieme zum Beispiel
oder der von Fritz Bauereis aus Weidach,
dessen gleichnamiger Sohn bis 1996 im Stadtrat saß,
oder auch der von Karl Fuchs,
der 1996 als Mitbegründer der örtlichen CSU besondere Ehren erfuhr.
Auch Hans Friedrich Graf von Pocci aus Ammerland
ist vielen Landkreisbürgern heute noch ein Begriff.
Martin Eichner aus Lochen machte später Karriere
als Bundestagsabgeordneter.
Bevor allerdings die Demokratie eingeführt werden kann,
schaffen die Amerikaner nach ihrem Einmarsch am 29. April 1945
erst einmal Ordnung:
Die alten Nazis, wie Landrat Adolf von Liederscron
oder der Wolfratshauser Bürgermeister Heinrich Jost, werden eingesperrt,
und unverdächtige Männer an ihre Stelle gesetzt.
Landrat wird Hans Thiemo, vormals Professor in München,
Bürgermeister Hans Winibald, der schon von 1924 bis 1933
dieses Amt inne hatte.
Angesichts der Niederlage auf dem Schlachtfeld
und der materiellen Not zuhause haben die Bürger
mit Politik wenig am Hut, wie Landrat Thiemo in seinen Monatsberichten
an den Regierungspräsidenten in München anschaulich darstellt.
Er schreibt unter anderem:
„Das in seiner Bequemlichkeit eingeengte Spießbürgertum
äußert lebhafte Unzufriedenheit. Es ist eben unbelehrbar.
Auffällig ist die große Arbeitsunlust, besonders der jüngeren Generation." (12. September 1945)
„Die Stimmung der Bevölkerung ist vom Nullpunkt nicht mehr weit entfernt.
Sie ist enttäuscht und verbittert und von einem tiefen Pessimismus durchdrungen. (. . .) Ungeheuer ist der Mangel an Waschmitteln,
an Seife und an den kleinen Dingen des täglichen Gebrauchs,
Schuhbänder und ähnliches." (24. Oktober 1945)
„Die Stimmung in der Bevölkerung gleicht einem trüben Hinbrüten.
Man weiß allgemein, dass uns Schlimmes bevorsteht,
hofft aber persönlich mit einigen Hautabschürfungen
davon zu kommen. Höhere Gesichtspunkte
spielen im Denken des Volkes keine Rolle." (19. November 1945)
CSU mit klarer Mehrheit
Auch in den darauffolgenden Monaten ändert sich die Stimmung kaum.
Einige vorausschauende Bürger haben aber bereits Parteien gegründet,
die SPD etwa oder auch die CSU. Auch die Kommunisten hoffen,
aus der antifaschistischen Stimmung eine Menge Kapital zu schlagen.
Am 27 Januar 1946 finden die ersten Gemeinderatswahlen statt,
die Wahlbeteiligung ist für heutige Verhältnisse mit 83 Prozent sehr hoch.
Die Kräfteverteilung ähnelt der von heute:
In Wolfratshausen schaffen fünf Kandidaten der CSU
und vier der SPD den Einzug in die Gemeindevertretung.
Der erste Wolfratshauser Kreistag wird am 28. April 1946 gewählt.
33 Sitze sind zu vergeben - die CSU erhält 17,
die SPD sechs und die Wiederaufbauvereinigung einen.
Der Rest entfiel auf parteifreie Bewerber.
Im Gegensatz zu heute bestimmte damals der Kreistag den Landrat.
SPD-Politiker Willy Thieme, der von den Amerikanern im April
an die Stelle des missliebigen Hans Thiemo gesetzt worden war,
erhält eine deutliche Mehrheit von 29 Stimmen,
zwei entfielen auf Martin Eichner aus Lochen,
zwei Stimmzettel waren leer abgegeben worden.