Süßmost fürs Reich
Erfinder des Fruchtsafts
Bettelarm
ist Wolfratshausen, als die Nazis 1933 an die Macht kommen. Flößerei
und Holzhandel sind infolge des wirtschaftlichen Niedergangs
Deutschlands völlig am Boden. Auch in der Landwirtschaft wird
Not gelitten: Bauernhöfe werden zwangsversteigert.
Arbeitslosigkeit grassiert.
Viele Häuser werden nachts
angezündet - von den Handwerkern, die sie danach wieder
aufbauen: "Da gibt's wenigstens wieder Arbeit für uns."
Auch
die Isartalbahn, die vor dem Ersten Weltkrieg und auch noch danach
an
schönen Wochenenden Tausende von Sommerfrischlern
nach
Wolfratshausen bringt, verliert in der Depression an Bedeutung:
Die
Münchner können sich die Billets nicht mehr leisten.
Einer
der wenigen florierenden Betriebe Wolfratshausen ist die "Wolfra",
gegründet im August 1930 als Genossenschaft von Andreas Stumpf,
dem Bezirks-Gartenbaufachberater. Stumpf hatte Jahre vorher
ein neues
Verfahren entwickelt, mit dem aus Obst durch Erhitzung
Fruchtsaft
hergestellt wird. Eine Revolution in der damaligen Zeit,
denn bis
dahin war Obst lediglich vergärt und zu Wein verarbeitet worden.
Andreas Stumpf,
gebürtiger Franke und seit 1911 in Wolfratshausen,
muss hart kämpfen gegen die Alkohol-Lobby. Mit geringem Eigenkapital,
das fast ausschließlich von den Bauern der Umgebung aufgebracht
wird,
baut er die "Wolfra" auf, wie der
"Bezirks-Obstbau-Verband
für gärungslose
Früchteverwertung" ab 1933 heißt.
Von der NSDAP kommt
keine Unterstützung für das Unternehmen,
das Mitte der 30er
Jahre schon an die 80 Mitarbeiter zählt.
Das hat seinen Grund.

Wolfra-Gründer Andreas Stumpf
Als Gegner der Partei bekannt
"Mit
dem Vorgehen der Partei sind viele Leute nicht einverstanden.
Ich bin
selbst ein Gegner und als solcher bekannt.
Unsere Genossenschaft hat
30 Mitglieder, darunter ist nicht ein einziges Parteimitglied (dabei
aber mehrere Priester).
Die 'Wolfra' steht deshalb auf der schwarzen
Liste", schreibt Stumpf.
Die
Partei will den Betrieb, der seine Fruchtsäfte in
ganz Bayern verkauft, daraufhin kassieren. "Der Kreisleiter kam
zu mir und teilte mit,
dass er die kommissarische Leitung selbst
übernimmt.
Er hatte früher eine Schuhfabrik und damit
bankrott gemacht.
Anschließend errichtete er eine
Obstbrennerei.
Diese war ebenfalls nicht lebensfähig. Er wollte
sich nun durch uns
neben seiner Stellung als Kreisleiter eine neue
Existenz schaffen."
Was
tun? Andreas Stumpf kann nicht einfach ablehnen, das hätte
schlimme Folgen für ihn und seine Familie gehabt. Also greift er
zu einer List.
Er
teilt Kreisleiter v. Transehe mit, daß er sich wieder um seine
alte Arbeit
als Gartenbauberater kümmern wolle und der Partei
die "Wolfra" überlasse: "Darauf erwiderte der
Kreisleiter, daß dies nicht gehe und ich auch unter seiner
Leitung weiterarbeiten müsse. Das lehnte ich entschieden ab."
Kreisleiter ist bestechlich
Transehe
(Foto) lässt indes nicht locker - aber er ist bestechlich.
Stumpf
schlägt einen Handel vor: "Um den Kreisleiter zu
befriedigen, sagte ich, dass bei uns sehr viel Brennobst
anfällt, er solle dies in Zukunft
in seiner Brennerei
verarbeiten, dadurch bekomme er
eine lohnende Beschäftigung."

Bestechlich: Kreisleiter v. Transehe
Der
Parteifunktionär ist einverstanden. Stumpf: "Ich bestellte
einen Waggon Brennzwetschgen, diese habe ich ihm überlassen -
ohne Bezahlung.
Von da an hatten wir vor ihm Ruhe."
Der
Druck auf das florierende Unternehmen wird immer größer.
Die "Wolfra"-Führung beschließt, leitende
Mitarbeiter in die Partei
aufnehmen zu lassen. Ein Vorstandsmitglied,
der Oberlehrer Thiele,
willigt ein - vorausgesetzt, die Firma zahlt
den Mitgliedsbeitrag.
Auch
Andreas Stumpf beschließt, "der Form halber"
beizutreten. Bürgermeister Jost indes weigert sich: "Zu
meiner Überraschung sagte
der Ortsgruppenleiter, er wisse, dass
ich kein Anhänger der Partei bin,
er könne mich deshalb
nicht aufnehmen."
Weitere
Probleme mit der Partei gibt es indes nicht. Die "Wolfra",
die Zweigniederlassungen überall in Europa eröffnet hat,
ist als
Betrieb viel zu wichtig geworden. Das Unternehmen
platzt deshalb Ende der
30er Jahre aus allen Nähten.
Nach
dem Humplbräu-Keller, in dem noch 50 Jahre vorher die Brauerei
untergebracht war, wird auch der ehemalige Haderbräu-Keller
aus-
und umgebaut. Der Versuch, 1936 die Weidach-Mühle
vom neuen
Besitzer Eichele zu kaufen und einen
eigenen Gleis-Anschluss zu
bauen, scheitert indes.
Die
"Wolfra" aber braucht mehr Platz für die Produktion:
Waren
1931 noch 26000 Liter Süßmost produziert worden,
so sind
es 1937 bereits 1,2 Millionen Liter und 1939 1,9 Millionen Liter.
1941 zieht das Unternehmen deshalb nach München um, in eine
aufgelassene Munitionsfabrik an der Baierbrunner Straße.
An
Wolfratshausen erinnert heute nur noch der Name.