Ab ins Exil
Über das Gute
Der Sinn für die Schönheit des Guten
kann den Menschen nicht gegeben werden,
er muss in ihnen gewachsen sein.
Aber das Gute wird von selber in ihnen aufquellen,
wenn die Entwicklung sie zwingen wird zu sehen,
dass sie ohne menschliche Gemeinschaft und Brüderlichkeit
heute alle miteinander verloren sind,
und dass
das Gute den Menschen so nötig ist
wie das tägliche Brot.
Erich
von Kahler
"Was soll werden?" (1952, Princeton/USA)
Ein großer deutscher Gelehrter
Privatgelehrter,
als solcher ist Erich von Kahler seit 1914
in Wolfratshausen gemeldet.
Die Berufsbezeichnung ist unvollständig.
Kahler ist Dichter und
Soziologe, Historiker und Kulturkritiker,
Philosoph und
Literaturwissenschaftler - einer der großen Gelehrten
des
Deutschlands der Weimarer Zeit, ein Universaltalent,
dem eine große
Karriere bevorstand.
Wie
bei so vielen seiner Freunde und Kollegen bedeutet die Vertreibung
aus seiner Heimat einen heftigen Einschnitt:
Heute ist Erich von
Kahler fast vergessen.
Sein Name findet sich nicht einmal in der
Brockhaus-Enzyklopädie.
Zu
Unrecht, denn Kahlers Hauptwerke "Israel unter den Völkern"
(München, 1933), "Der deutsche Charakter in der Geschichte
Europas" (Zürich, 1937) und "Man the Measure"
(New York, 1943)
waren zu ihrer Zeit in Intellektuellenkreisen weit verbreitet
und heftig
diskutiert. "Man the Measure, A New Approach to History"
wurde bis 1986 in USA immer wieder aufgelegt.
Was
aber hat ein Mann wie Erich von Kahler mit Wolfratshausen zu tun?
Der Markt ist
fast zwei Jahrzehnte Heimat des introvertierten Denkers.
Hier, in der Provinz findet er die Ruhe, die er für seine
Studien braucht.
Er
bewohnt eine schön gelegene Villa am Bergwald,
das vormalige
"Bergerhaus", das Kahler "Haus St. Georg" nennt
und in dem er
sich mit vielen berühmten Zeitgenossen trifft.
Die heutige
Adresse lautet Am Burgholz 2, die Villa steht nur noch zum Teil. Aber
erzählen wir Kahlers Geschichte von Anfang an.
Erich von Kahler, geboren in Prag, gestorben in New York,
lebte als Privatgelehrter in Wolfratshausen (Foto von 1925).
Kindheit in Prag, Jugend in Wien
Erich
von Kahler wird in eine Gesellschaftsschicht -
das
jüdisch-europäische, wohlhabende Großbürgertum -
hineingeboren,
das Hitler mit besonderem Eifer verfolgt
und
schließlich auch komplett vernichtet.
Als Sohn einer
kunstbeflissenen, vermögenden Industriellenfamilie wird Kahler
1885 in Prag geboren.
Der
Teenager kommt dort mit dem Bar-Kochba-Kreis in Berührung,
einer
jüdischen Gruppe von Studenten, die im Gegensatz zur Generation
ihrer Eltern eine Rückbesinnung auf alte jüdische Werte
verfolgen.
Die Auseinandersetzung mit seiner Religion prägt den
deutschen Juden tschechischer Herkunft, Erich von Kahler, ein Leben
lang -
ebenso seine verklärte Auseinandersetzung mit dem
Deutschsein.
Im
Alter von 15 Jahren, anno 1900, siedelt Kahler mit seiner Familie
nach Wien um. Der junge Erich mag nach dem "geheimnisvollen
Prag"
das "oberflächliche Wien" nicht. 1903 legt
er am angesehenen Schotten-Gymnasium die Matura ab.
Im
selben Jahr veröffentlicht er auch erstmals einen Gedichtband
("Syrinx"). Der Industriellensohn, finanziell völlig
unabhängig, studiert Philosophie, Germanistik, Geschichte und
Kunstgeschichte.
1914 ist er endlich soweit, Österreich
verlassen zu können
und in das von ihm so verehrte Deutschland
überzusiedeln.
Wolfratshausen und Stefan George
Er
wählt Wolfratshausen als Wohnort aus,
sicherlich wegen
dessen Nähe zu München.
Schon drei Jahre vorher hat Kahler
den Dichter Stefan George kennengelernt, einen der richtungsweisenden
Denker seiner Zeit,
der von den seinen Anhängern, meist selbst
bedeutenden Dichtern
und Künstlern, als "Meister"
verehrt wird.
Auch
Kahler gehört dem berühmten "George-Kreis" an,
allerdings hält er stets eine gewisse Distanz.
Immerhin besucht
ihn Stefan George auch einige Male in Wolfratshausen.
Dem
"George-Kreis" gehört auch Josefine Sóbotka
(1889 bis 1959) an -
eine ungewöhnliche Frau. Geboren in Wien
studiert sie in Heidelberg
zu einer Zeit Medizin, als Frauen unter
den Studierenden noch eine bestaunte und angefeindete Ausnahme sind.
Sinnbild ihrer Aufgeklärtheit war auch der "Bubikopf",
den sie in den 20er Jahren trägt.
1912
heiratet die schöne, kluge Frau den Industriellensohn Erich von Kahler. Die Ehe ist ein Fiasko. Beide
passen aufgrund ihrer hochgesteckten, unterschiedlichen Lebensziele
nicht zueinander,
sie verbringen die eine Hälfte des Jahres mit
endlosen Diskussionen
und Spaziergängen, die andere getrennt
arbeitend oder verreisend.
Erst
1940 im amerikanischen Exil geht der Alptraum zu Ende.
Die beiden
trennen sich. Der in praktischen Dingen völlig lebensunfähige
Kahler wird fortan von seiner Mutter versorgt (sie stirbt 1954).
Josefine Sóbotka arbeitet in der Krebsforschung.
1959 stirbt
sie an einem Gehirntumor.
1969, als 84jähriger, ein Jahr vor
seinem Tod, heiratet Erich von Kahler
ein zweites Mal, eine
Amerikanerin.
Dichter und Wissenschaftler
"Wir
sind alle vier mit einem ausgesprochenen Hang zur Faulheit
ausgestattet", so beschreibt Erichs Cousin Victor von Kahler 1911
das Leben der Kahler-Sprösslinge, denen das Familienerbe
ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Erich von Kahler widmet sich
ausschließlich dem Lesen und Schreiben.
1919
veröffentlicht er "Das Geschlecht Habsburg".
Das
geschichtsphilosophische Werk macht ihn auf einen Schlag bekannt,
wie
begeisterte Besprechungen von Egon Friedell, Robert Musil
und Hugo von
Hofmannsthal belegen.
1933
erscheint "Israel unter den Völkern" in einem Münchner
Verlag.
Die Nazis stampfen die gesamte Auflage umgehend wieder ein.
Kahlers Bücher werden verbrannt. Er steht schon seit 1931 auf
der "schwarzen Liste" der Vorgängerorganisation der
Gestapo,
der durch Denunziation Teile von Kahlers zweitem Hauptwerk
"Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas"
in die
Hände gefallen waren.
Gestapo kommt zu spät
Schon
deshalb drängt Josefine von Kahler ihren Mann im März 1933
dazu,
in Wien das Ergebnis der Reichstagswahlen abzuwarten - zum
Glück.
Kaum zehn Tage nach der Wahl durchsucht die Gestapo
das
Haus St. Georg in Wolfratshausen.
Die Geheime Staatspolizei findet
dort aber lediglich ein Exemplar
von Hitlers "Mein Kampf",
versehen mit ausführlichen Randnotizen.
Dem
Ehepaar Kahler bleibt die Rückkehr in sein Haus in
Wolfratshausen versperrt. Am 6. September bittet der Flüchtling
von Wien aus,
die Marktgemeinde in einem Brief darum, daß sein
Haus
für einen "ortsüblichen Preis" vermietet
werde
und man ihm das Geld zukommen lasse.
Aber
das Haus ist zu diesem Zeitpunkt schon von der
Bayerischen
Politischen Polizei beschlagnahmt, die die zwei Wohnungen,
laut
Schreiben des Sonderbeauftragten der Obersten SA-Führung
beim
Bezirksamt Wolfratshausen, für 12 und 15 Reichsmark
an
"einwandfreie Personen" vermietet.
Kahler
gilt offiziell als "reichsflüchtig", am 18. September
1933
wird sein Vermögen offiziell beschlagnahmt
und am 22.
Januar 1934 seine deutsche Staatsbürgerschaft widerrufen.
Das Anwesen Burgholz 2 erwirbt im März 1936 der Notar Dr. V. Nachkriegs-Landrat Willy Thieme bezeichnet V. zehn Jahre später als "Nationalsozialisten, der sich Naziverbrechen zuschulden kommen ließ".
Der
letzte Lebenszeichen des Privatgelehrten, das Wolfratshausen
erreicht, kommt am 12. April 1934 aus Prag. Kahler bittet um ein
"Leumundszeugnis". NS-Bürgermeister Schrott fragt bei
der SA nach,
ob er eine Antwort schicken soll. Die handschriftlich
notierte Antwort: "Zunächst nicht."
Leben im Exil: Zürich und Princeton
Durch
das Exil ist, so schreibt Freund Thomas Mann zu Erich Kahlers
60. Geburtstag
im November 1945, dessen "Ruhm, der unfehlbar stetiges Wachstum
gehabt hätte, wenn Deutschland bei Sinnen geblieben wäre,
zurückgehalten und vertagt".
Mit
dem Dichter Thomas Mann verbindet Erich v. Kahler nicht nur die Liebe
zum bayerischen Oberland (Mann hatte ein Ferienhaus in Bad Tölz),
im Exil entwickelt sich zwischen den beiden eine streitbare Beziehung.
1919
hatte der berühmtere Mann erstmals Notiz von Kahler
genommen.
In sein Tagebuch schreibt er: "Ich bin vom
persönlichen
und geistigen Wesen des etwa 33jährigen
überaus angenehm berührt. Möglichkeit einer
Freundschaft?"
Im
schweizerischen Exil vermittelt Mann dem Kollegen einen Züricher
Verlag zur Veröffentlichung von "Israel unter den Völkern"
(1936)
und "Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas"
(1937).
Beide treffen sich oft, führen lange Gespräche und
schreiben sich Briefe. 1947 schafft Thomas Mann dem Freund ein
bleibendes Vermächtnis,
in dem er ihn in der Person des Karl
Friedrich Zelter
in seinem Roman "Dr. Faustus" verewigt.
Nach
Beginn des Krieges, 1939, müssen Mann und Kahler
die Schweiz
verlassen. Sie wandern nach Princeton/USA aus,
zu dieser Zeit ein Zentrum
deutscher Exilanten. Kahler wird Professor
an der Universität.
Zu seinen Freunden und Nachbarn zählen
Nobelpreisträger Albert Einstein und
Schriftsteller Hermann Broch.
37
Jahre lebt Erich von Kahler im Exil. Nach seiner Ankunft in USA
veröffentlicht er nur noch in Englisch - unter anderem
sein
wichtigstes Werk "Man the Measure".
Sein Hauptthema bleibt
aber - auch nach Ende der Nazizeit -
die Auseinandersetzung mit Deutschland.