Bomben im Wald

Wochenendhaus gegen Munitionsfabrik

"Wenn es nicht gelingt, die Arbeitslosen beziehungsweise die Pendler
nach Wolfratshausen heimzubringen, dann ist hier keine Ruhe und Ordnung zu schaffen." Im Wissen um den desolaten wirtschaftlichen Zustand Wolfratshausens tritt der Automechaniker Heinrich Jost im Frühjahr 1936
sein Amt als Wolfratshauser Bürgermeister an.


Er erarbeitet den "Wirtschaftsplan Jost" und schreibt in der Einleitung,
dass in Wolfratshausen und Umland "durchwegs noch sehr große wirtschaftliche Not und soziales Elend, besonders in Arbeiterkreisen, vorherrscht", verursacht durch "ungeheuer schwierige Arbeitsverhältnisse".

"Weitaus der größte Teil der gesamten Arbeiterschaft,
gelernt und ungelernt, (...) muss größere Entfernungen zurücklegen,
um an seine Arbeitsstelle zu gelangen." Durch die
"Einrichtung von Betrieben südlich von Wolfratshausen"
würden sich die Bürger, so Josts Hoffnung, "besser als bisher
rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat und die Partei einsetzen".


"Es ging mir in erster Linie nicht um politische Belange, sondern um die Bekämpfung der sozialen Not", erinnert sich Jost Mitte der 1960er Jahre
in einem Gespräch mit Stadtpfarrer Ulrich Wimmer.


Jost schickt sein Strategiepapier an alle wichtigen Parteistellen,
nach München und nach Berlin. Das Engagement des "Parteisoldaten"
findet Beachtung: Schon nach kurzer Zeit bekommt Jost Besuch von
Dr. Gritzbach, Görings rechter Hand im Wehrwirtschaftsministerium.


"Es war an einem Wochenendabend. Da kam der Wirt vom Humplbräu
zu mir: Da sind ein paar Berliner, sagte er. Sie haben gefragt,
ob sie heute noch den Bürgermeister sprechen könnten."


Im Verlauf des Gesprächs nimmt Gritzbach den Bürgermeister beiseite:
"Wir hätten die Absicht, ein kleines Wochenendhaus in Ebenhausen hinzustellen. Sie sind doch mit dem Baurat Stempel gut bekannt.
Vielleicht können Sie ein Wort für uns einlegen."


Im Gegenzug hat auch Jost einen Wunsch frei. Er schildert dem Funktionär
die wirtschaftlichen Sorgen seines Markts und bittet um Hilfe.
Gritzbach antwortet: "Ich empfehle Ihnen, was Sie eben geschildert haben, über den Notstand bei Ihnen, nach Berlin zu geben."


Jost erinnert sich später: "Mir wurde gesagt, es durfte nicht an eine
andere Dienststelle kommen, ich musste jetzt einen Entschluss fassen,
ohne Landrat, ohne Kreis- und Gauleiter. Mein Gesuch kam gut an."


Gritzbach kommt Ende des Jahres 1936 wieder. Er besichtigt den Wolfratshauser Forst. "Dieser Besuch hatte Erfolg", so Jost später.
"Ich wurde auf strengste Geheimhaltung verpflichtet. Ich hatte mir ja schon immer gewünscht, einen Industriebetrieb hierher zu bekommen.
Allerdings ist das Ganze dann unter 'Schokoladenfabrik' gelaufen."


Die Geister, die Jost rief, wird er nicht mehr los: "Das Ganze" wird
eine der größten Munitionsfabriken des Dritten Reichs.
Dr. Gritzbach indes bekommt sein Wochenendhaus.



           

Das Werk "Tal I", die DAG, im heutigen Gartenberg.          
Aufgenommen wurde dieses Bild am 9. April 1945             
von einem amerikanischen Luftaufklärer.           



Schokolade in Tal I und II

"Schokoladenfabrik", welch wohl klingenden Namen lassen sich die Nazis 1937 für ihr gigantisches Projekt im Wolfratshauser Forst einfallen.
Von "Tal I" und "Tal II" spricht das Oberkommando des Heeres.
Die offizielle Bezeichnung ist "Fabrik Wolfratshausen der Gesellschaft mit beschränkter Haftung zur Verwertung chemischer Erzeugnisse".


Ausländische Radiosender in Straßburg und Luxemburg
verbreiten allerdings schon 1938, daß südlich von München
gigantische Rüstungsfabriken entstehen. Dieses ganze Geklingel
mit Decknamen, es ist von Anfang an überflüssig.
Oder soll es nur die eigene Bevölkerung darüber im unklaren lassen,
was hinter mehr als elf Kilometer Stacheldraht gebaut wird?


Am Protest der Bevölkerung sind die Berliner Rüstungsplaner
im Münchner Vorland schließlich bereits einmal gescheitert.
Ursprünglich sollten die Munitionsfabriken im Forstenrieder Park
gebaut werden - es gibt starken Widerstand der Stadt München. Wolfratshausen ist nun erste Wahl.


Am 1. Dezember 1937 geht das Heereswaffenamt in die Planung. Vorgesehen ist für die Fabriken eine Fläche von 450 Hektar.
Ein halbes Jahr später wird der Platzbedarf auf 720 Hektar korrigiert.
Absolute Geheimhaltung herrscht auf allen Ebenen:
"Die Entstehung der geplanten Betriebe musste unter Umgehung
sämtlicher Dienststellen laufen. Der beginnende Aufbau hatte
in aller Stille zu geschehen", erinnert sich Jost 25 Jahre später.




Wüchsigste Bestände des ganzen Distrikts

Und doch gibt es Proteste. Der Leiter des Wolfratshauser Forstamts,
Müller, schreibt am 5. Oktober 1937 an die Planungsbehörden:
"Die aus Laub- und Nadelholz gemischten Bestände dieses Gebiets
sind die besten und wüchsigsten des ganzen Distrikts (...)
Höchste Kunst der Landesverteidigung müsste es meiner Auffassung nach sein, ihre unabweisbaren Notwendigkeiten in Einklang zu bringen
mit den sonstigen Erfordernissen der (...) Forstwirtschaft,
deren Erzeugnisse ja sowohl für die Volkswirtschaft
wie für die Landesverteidigung bitter notwendig sind."


Auch das Argument des Oberingenieurs Deichmann,
der Wolfratshauser Forst sei für die Tarnung der Fabrik bestens geeignet, lässt Müller nicht stehen: "Für Angriffe aus der Luft sind die geraden Linien und Durchhiebe (das sind die Forstwege,
d. Autor)
außerordentlich günstige Wegweiser." Müller ist freilich Realist:
"All diese Einwände werden aber das Unheil wohl kaum vom
Wolfratshauser Forst abwenden können."


Für den Münchner Gauleiter Adolf Wagner, einen Günstling Hitlers, ist klar: "Nicht die Gefühle und die Liebe der Natur bestimmen hier, sondern die kalten Berechnungen auf dem Weg zu einem neuen Krieg."





Enteignung oder Zwangsverkauf

Beim Grunderwerb wird auch nicht lange gefackelt:
Die meisten Bauern weigern sich entschieden, Land herzugeben -
vergebens. Bei einer Versammlung der 34 betroffenen Geltinger
und Königsdorfer Bauern werden sie gezwungen,
die Verkaufsverträge zu unterschreiben, andernfalls droht Enteignung.


Adele Kutschke aus Wiesen erinnert sich Jahrzehnte später:
"Für den Kiesboden haben wir kaum etwas bekommen,
Wald wurde besser bezahlt."
Gerade einmal 900.000 Mark ist den Staat das riesige Gelände wert -
bei Gesamtinvestitionen für die Munitionsfabriken
von 183 Millionen Reichsmark.


Unverhohlen gedroht wird all jenen Wolfratshausern, Geltingern
und Königsdorfern, die nicht sofort bereit sind, Grund abzutreten.
"Was glauben Sie, was das für Sie bedeuten kann,
wenn Sie sich weiter weigern. Hinter den Maßnahmen steht Göring
mit dem Vierjahresplan ..."


Besonders arg betroffen ist der Bauer Josef Walser,
der 1939 in unmittelbarer Nähe der Gleise der Isartalbahn
seinen Aussiedlerhof baut. Während der Heuernte im Juni
trifft er plötzlich auf einer seiner Wiesen einen Bautrupp:
"Was wollt ihr hier? Ihr könnt mir doch jetzt nicht das Gras zusammentreten." Walser bekommt eine grobe Antwort:
"Da wirst du nicht mehr viel zum Reden haben. Du musst da weg."


Genauso läuft es. Wegen des schlechten Zustands der Bahngleise
zwischen Weidach und Icking und des steilen Dorfener Bergs
können auf dieser Strecke nur leichte Loks verkehren.
Für den Transport der schweren Güter von und zu den Munitionsfabriken genügt dies aber nicht. Zudem soll auch die Großstadt München
von der gefährlichen Fracht verschont werden.
Sie muss großräumig umfahren werden.


Also wird die Strecke Wolfratshausen-Bichl ausgebaut,
südlich Wolfratshausens, auf Walsers Grund,
wird ein Rangierbahnhof mit zwei Stellwerken und drei Gleisen gebaut.
Die Züge fahren von dort aus nach Bichl und auf der Reichsbahnstrecke
über Tutzing in alle Richtungen.





Gelber, schwefeliger Gestank

Als die Produktion in den Munitionsfabriken auf Hochtouren läuft,
verkehren täglich zwei bis drei Zugpaare in Richtung Bichl.
Über größere Unfälle ist nichts bekannt.
Lediglich 1943 brennt ein Waggon mit gelber Flüssigkeit,
der zu heftig rangiert worden ist. Der gelbe, schwefelige Dampf
deckt die ganze Gegend mit Gestank und Rauch zu.


Was aber passiert mit Josef Walser? Er steht unter dem Schutz
des nationalsozialistischen Erbhofgesetzes.
Ihm muss für den beschlagnahmten Hof Ersatz geschaffen werden.
Bis zum 1. April 1942 räumt Walser sein Haus.
Die neue Hofstelle entsteht in der Niederung zwischen
Geltinger Straße und Loisach - weit weg vom Rangierbahnhof.
Das Grundstück gehörte dem "Löwenbräu"-Gastwirt Schwaiger.
Er bekommt dafür 40.000 Mark Entschädigung.





Organisationstalent gegen schlechte Schuhe

Mit den umfangreichen Rodungen im Wolfratshauser Forst
betraut die Bauleitung den Wolfratshauser Bauleiter Georg Wildenrother.
Das geschlagene Holz wird an Ort und Stelle beim Bunkerbau
wieder verbraucht. Erst drei, später bis zu 80 zwangsverpflichtete Arbeiter leisten die schwere Arbeit.


Wildenrother hat allerdings Probleme: "Das Arbeitstempo war
von Anfang an vom Druck von oben und durch die Kriegsverhältnisse gezeichnet. Der Forstarbeiter musste Tag für Tag
an seinen Arbeitsplatz kommen, im Winter wie im Sommer."


Darunter haben vor allem die Fremdarbeiter zu leiden:
"Schlechtes Schuhzeug und mangelhafte Kleidung
gehörten zum normalen Erscheinungsbild der Gefangenen.
Auch hier musste Organisationstalent immer wieder weiterhelfen,
auch gegen manche Behandlungsvorschrift. Im Winter,
wenn arge Kälte herrschte, waren die Leute dankbar,
wenn sie in einen Unterstand oder in einen noch nicht benutzten Bunker
ein wenig verschnaufen und sich wärmen konnten."


Nach Abschluss der Rodungen werden von der Forst- und Bauarbeitern
die Bunker getarnt. Erdwälle werden aufgeschüttet,
die Dächer mit Humus abgedeckt. Sträucher und Jungpflanzen werden waggonweise herangefahren. Gepflanzt werden auf den Dächern Johannisbeeren, Fichten, Latschen, alle möglichen Laubbäume.
Ziel ist es, dass alle Bauten unter einem grünen Teppich
vor den scharfen Augen der Luftaufklärer verschwinden.
Selbst die Straßen werden mit grüner Farbe gestrichen.


Bis zu 6000 Arbeitskräfte und schweres Gerät waren am Bau
der
beiden Rüstungsfabriken im Wolfratshauser Forst beteiligt.


Kriegsfähig bis 1940

Alle Baufirmen, die im Deutschen Reich Rang und Namen haben,
sind ab September 1938 im Wolfratshauser Forst tätig:
Scheumann, Polensky und Zöllner, Holzmann, Riepl, AEG, Moll,
Dykerhoff und Widmann Babcock, Hochtief, Siemens und und und.
In nur zwei Jahren, so der Schnellplan des Wehrwirtschaftsamts
beim Oberkommando der Wehrmacht, sollen die Fabriken arbeiten.


Die Eile ist Programm und von Adolf Hitler höchst persönlich angeordnet.
Er erließ 1936 beim Reichsparteitag in Nürnberg einen Vierjahresplan,
der zwei Ziele festschrieb: "Die deutsche Wehrmacht muss in vier Jahren einsatzfähig sein. Die deutsche Wirtschaft muß in vier Jahren kriegsfähig sein."


Bauleiter sind der Hamburger Ingenieur Dr. Albert Deichmann
und ein Direktor Schindler, beides Angestellte der Dynamit AG (DAG).
Aber auch viele andere hohe Herren reden mit - zu viele.


Der Fuhrunternehmer Siegschwert erinnert sich: "
Kompetenzstreitigkeiten waren häufig zu beobachten.
Je schwerer das Schulterstück eines Höheren war,
umso mehr hat das Wort gegolten. Kamen politische Baukommissionen,
dann wurde meist das Gelände schon vorher abgesperrt."






Eine Million in Sand gesetzt

Und es gibt auch größere Pannen. Für ihren Energiebedarf
benötigt die DAG zwei große, unterirdische Kraftwerke.
Als ein Werk bereits fertig ist, wird es bei einem Gewitter
fast vollständig überschwemmt. Siegschwert:
"Man war überzeugt, dass das Reinigen und Säubern
der bereits montierten Motoren und Anlagen einen weit größeren Aufwand erfordern würde als eine Neuherstellung.
Die Baustelle wurde fast völlig mit Kies zugeschüttet."


Ein Jahr Arbeit ist umsonst, eine Million Mark buchstäblich in den Sand gesetzt. Und oft passen Pläne und Bauausführung nicht zusammen:
Bis zu drei Mal werden manche Bunker jeweils an einem neuen Standort wieder gebaut.


Aber Arbeitskräfte gibt es genug. Die deutschen Bauarbeiter
vermitteln die Arbeitsämter in München und Starnberg.
Untergebracht sind sie in Gelting, im Gasthaus Ritt (heute: Alter Wirth)
und bei den Bauern in der Umgebung. Aber immer öfter werden
auch zwangsverpflichtete Fremdarbeiter eingesetzt.


Barackenlager werden gebaut auf der Böhmwiese (Lager Buchberg,
2000 Bewohner), in Stein (1000). Lager Föhrenwald (heute Waldram) unmittelbar südlich Wolfratshausens entsteht, 2500 Menschen leben dort.



Die Arbeit für die Fremdarbeiter in den Munitionsfabriken
war körperlich sehr hart und äußerst gefährlich


Maulhalten war wichtig

Ein Dienstverpflichteter erinnert sich: "Es war Anfang Oktober 1939.
Ich war als Zimmermann in München beschäftigt. Eines Tages hieß es,
dass wir für einen besonderen Arbeitsplatz vorgesehen seien.
Ich dachte zuerst an Polen. (...) Beim Arbeitsamt erfuhren wir dann,
wohin unsere Fahrt gehen sollte, in ein Barackenlager bei Wolfratshausen. Meine Aufgabe bestand im Einschalen von schweren, massiven Bunkern.


Bei Wind und Wetter ging es im scharfen Arbeitstempo dahin,
dafür sorgten schon die vielen Aufseher und der Werkschutz,
der stark vertreten war. Unterordnen und Maulhalten war wichtig.
Rapport gab es für den, der aus der Reihe tanzte.


Einmal äußerte ich, dass diese Bauten doch eines Tages
wieder abgerissen werden. ,Was haben Sie da für Anschauungen?`
sagte ein SA-Mann aus Niederbayern. Ich war seitdem sehr vorsichtig
und hielt mich mit solchen Äußerungen zurück."


Rund 6000 Arbeiter sind insgesamt am Bau der Munitionsfabriken beteiligt. Die Dienstverpflichteten stammen aus Oberbayern, dem Allgäu,
dem Sudetenland, Italien, der Slowakei, Litauen und dem Memelland.
Eine neue Stadt entsteht, mit einer eigenen Bahnlinie.


Die Isartal-Bahn nach Wolfratshausen wird "verreichlicht"
und mit 35 Kilometer Gleisen nach Geretsried-Nord und -Süd verlängert. Baumeister Johann Haas plant die Kanalisation, die Feuermeldeanlage,
die zwei Rettungswachen, die Wasserversorgung.

Notwendig ist auch eine Kanalisation. Der zuerst geplante Auslauf
in die Isar wird unter anderem von den "Seplissenen" verhindert,
einer mondänen Angler-Vereinigung in München,
der auch Generäle angehören.

Zwar wird der Zeitplan nicht ganz eingehalten, aber im November 1940 werden erste Abteilungen in Betrieb genommen,
die Nitropenta-Produktion beginnt.


Und ein knappes halbes Jahr später läuft auch das südliche Werk II
der Deutschen Spreng-Chemie an. Die Bauarbeiter verschwinden
nach und nach und machen den Werks-Mitarbeitern Platz.
Es sind zu 95 Prozent Ausländer, Zwangsarbeiter -
Arbeitsschutz ist ein Fremdwort.







Abdruck in die Decke gebrannt

Seit November 1940 arbeitet die DAG, seit April 1941
auch das südliche Werk 2, die Deutsche Sprengchemie (DSC) im heutigen Geretsried. Bis zu 4000 Arbeitskräfte sind hier insgesamt tätig - unter unzumutbaren Bedingungen. Ihr Arbeitsplatz ist äußerst gefährlich.

Wie gefährlich, davon zeugen eine ganze Reihe von tödlichen Unfällen
bei der DAG. Am 2. Juli 1941 ereignet sich eine Verpuffung
in einem Kessel des Bunkers 89. Dabei sterben zwei Arbeiter,
zwei weitere werden schwerverletzt.

Am 14. Januar 1943 explodiert infolge menschlichen Versagens
das Trockenhaus 128 (auf dem heutigen Johannisplatz), in dem
in Italien hergestelltes Hexogen (ein Sprengstoff) weiterverarbeitet wird. Sieben Menschen sterben, 14 werden verletzt. Der Krater ist noch auf amerikanischen Luftbildern von 1945 zu erkennen. Feuerwehrkommandant Anton Bräuhäuser: "Von dem Gebäude blieb nur das Eisengerüst stehen."

Pressen-Explosionen gibt es in den viereinhalb Jahren einige,
auch im Werk der DSC. Der Sachschaden ist in der Regel hoch,
und es gibt Tote zu beklagen. Hans Herbrik, damals Arbeiter:
"Einmal gab es eine Explosion, da hat man den Abdruck des Mannes,
der dabei umgekommen ist, noch lange oben an der Decke gesehen."

Und auch die Arbeiterin Anna Reingraber, sie stammt aus Kempten,
berichtet von einem Unglück: "Das Gefährlichste waren die Tellerminen."
Als es in einer Kiste zu ticken anfängt, nimmt ein russischer Arbeiter
das Paket und trägt es ins Freie. Dort explodiert die Ladung,
der Russe kommt ums Leben.





Sicherheitsdienst Jost

Der Sicherheitsbeauftragte der Rüstungswerke ist
Wolfratshausens Bürgermeister Heinrich Jost.
Er untersucht jeden Betriebsunfall daraufhin, ob Sabotage vorliegt. Fuhrunternehmer Siegschwert: "Jost war an sich nicht gewalttätig,
man hat mit ihm reden können." Aber auf das Konto des Bürgermeisters gehen allerdings viele Verhaftungen.

Dokumentiert ist ein Fall vom 30. Januar 1942, als Jost
drei französische Arbeiterinnen wegen "Arbeitsverweigerung" festnehmen
und der Gestapo überstellen lässt.
Die 21-jährige Odile Le Friek ist völlig unschuldig, sie war an jenem Tag pflichtgemäß an ihrem Arbeitsplatz. Rene Bona (20) und Jeanne Godin (22) indes meldeten sich von 21. bis 24. Januar krank.
Der Lagerarzt Dr. Hermann P. untersucht sie allerdings nicht einmal,
sondern schreibt sie umgehend wieder arbeitsfähig.


Der Gendarmerie-Kreisführer Leutnant T. schreibt indes:
"Da nun der Abwehrbeauftragte Jost als Grund der Festnahme Arbeitsverweigerung in seinem Schriftsatz stehen hatte und diesbezüglich schon mit der Geheimen Staatspolizei ins Benehmen getreten war,
wurden die beiden von der Gendarmerie vorläufig festgenommen
und am 18. Februar der Gestapo München überstellt."
Nach einer Woche werden die beiden Französinnen wieder freigelassen.


Der Fall beschäftigt allerdings sogar den oberbayerischen Regierungspräsidenten. Jost bekommt eine Rüge.
Er sei als "Abwehrbeauftragter eines Fabrikunternehmens"
nur in "Fällen unverschieblichen Eingreifens" berechtigt,
Festnahmen durchzuführen. Dies sei weiterhin Sache der Polizei.
Die Gestapo schließt sich der Verwarnung an.




             

Die Rettungswache der Rüstungsfabriken war wegen            
der gefährlichen Arbeit immer gut ausgelastet.            





"Nieder mit Hitler"

Beim leisesten Verdacht von Widerstand droht Verhaftung.
Der dienstverpflichtete Hans Koblizki: "Einmal haben zwei Bauarbeiter
in den frischen Beton der Baracke 202 ,Nieder mit Hitler` eingraviert.
Zum Glück sollten die beiden am nächsten Tag auf die Baustelle
in Waldkraiburg, was auch geschah.

So sind sie der Strafe entwischt. Dafür verdächtigte man meinen Gehilfen.
Sie brachten ihn nach Dachau, ohne viel zu recherchieren.
Wir haben lange kämpfen müssen, um ihn frei zu bekommen."


Aber es gibt tatsächlich Sabotagefälle: Eine Vorarbeiterin aus Penzberg verhindert im letzten Augenblick, dass eine Polin mit dem Hammer
auf eine Sprengstoffkiste schlägt. Dass sie bei einer Explosion
hätte sterben müssen, ist ihr in ihrem Hass auf die Deutschen egal.
Die Frau wird von der Gestapo festgenommen und hingerichtet.




Die Unterwäsche zerfällt beim Waschen

"Kanarienvögel", so heißen bei den deutschen Kollegen
die ausländischen Zwangsarbeiterinnen, die in den Rüstungs-Fabriken
die gefährlichen Jobs leisten müssen. Von "gelben Französinnen"
spricht zum Beispiel der Fuhrunternehmer Siegschwert,
der am Bau der Fabriken beteiligt war.

"Die Gesichtsfarbe entstand von einem chemischen Niederschlag,
der auch beim Waschen nicht wegging. Aber man gewöhnte sich bald
an diese und so viele andere Erscheinungen innerhalb und außerhalb
dieses Lagers, das immer mehr ein buntes Vielvölkergemisch wurde."


Gewöhnen können sich die "Kanarienvögel" an ihre Arbeit freilich nicht.
Sie hantieren mit überaus gefährlichen Stoffen wie der Pikrinsäure.
Die Chemikalien fressen sich trotz Schutzkleidung, Kopftüchern,
Atemmasken und Handschuhen bis auf die Haut durch.

Eine Arbeiterin: "Beim Waschen ist uns oft die Unterwäsche auseinander gefallen." Immer wieder werden aber die Sanitäter gerufen,
weil Arbeiterinnen bewusstlos geworden sind.


Nur die kräftigsten Mädchen und Frauen werden zu diesen Arbeiten herangezogen und das auch nur für jeweils einige Monate.
Sie erhalten zur Stärkung täglich einen Liter Milch extra.
Über die Gefahren werden sie nicht aufgeklärt. So ist der Fall einer Frau
aus Königsdorf bekannt, die sich aus Spaß die Haare
mit einer der verwendeten giftigen Chemikalien feuerrot färbt.
Sie will so für Männer interessanter wirken.






Dachau ist nicht weit

Im Werk dürfen sich die Arbeiter nur begrenzt bewegen.
Farbige Armbinden kennzeichnen den Bereich, in dem sie arbeiten. Die Geheimhaltung ist fast perfekt. Der gesamte Produktionsablauf
ist in kleine Schritte auftgeteilt. Keiner weiß, was der andere zu machen hat. Die Folge, so eine Arbeiterin: "Viele von uns wussten gar nicht,
was in der Fabrik hergestellt wurde. Wer aus der Reihe tanzt, wer auffällt, muss mit einer Verhaftung wegen Sicherheit ist alles:
Der Werkschutz und ein 2,50 Meter hoher Zaun schützen
das Fabrikgelände vor neugierigen Blicken und Sabotage.


Gleichwohl befinden sich die deutschen und ausländischen Zwangsarbeiter nicht in einem Konzentrations- sondern in einem Arbeitslager.
In ihren Unterkunftsbaracken finden Theateraufführungen und Folkloreveranstaltungen statt. Selbst die ausländischen Kräfte
haben sonntags freien Ausgang und dürfen dann bis nach München fahren. Allerdings wird bei täglichen Appellen die Anwesenheit überprüft.


Der Einheitslohn beträgt annähernd 200 Reichsmark. Arbeitszeit sind
60 Stunden wöchentlich. Schwerstarbeiter erhalten 50 Prozent Zuschlag.
Das gilt nicht für Arbeiter aus Russland. Sie bekommen nur 17 Mark
und dürfen das Werk niemals verlassen. Sie bekommen auch keinen Urlaub wie ihre Kollegen aus Deutschland, West- und Südeuropa.
Die Situation von Ostarbeitern entspricht der von Sklaven.






Produktion läuft, Rohstoffe fehlen

Trotzdem erfüllen die Rüstungsfabriken ihren Auftrag:
Sie produzieren Tausende von Tonnen Sprengstoff, Munition
und Granaten für die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.
Sie bringen Unheil und Verderbnis über Europa und die Welt.
1943 (DAG) beziehungsweise im Frühjahr 1944 (DSC) ist die Produktionsleistung am höchsten.


Schwierigkeiten bereitet indes immer öfter die Rohstoffknappheit: Verschiedene Produkte können zeitweise nicht hergestellt werden
und sei es nur, weil Papphülsen für die 7,5-Zentimeter-Sprenggranaten fehlen. Bis zum 9. April 1945 ...




Die Burschen rennen wie der Blitz

Der 9. April 1945 ist ein schöner, sonniger, ja fast wolkenloser Frühlingstag. Gegen 17.15 Uhr hören die Mitarbeiter der Munitionsfabrik
der Dynamit AG (DAG) im Wolfratshauser Forst ein dumpfes Dröhnen.
Es klingt wie ein Gewitter. Das Geräusch ist bekannt, von den
ungezählten amerikanischen und britischen Bomberverbänden,
die zu dieser Zeit Tag und Nacht ihre unheilvolle Fracht
über München abwerfen.


Aber am 9. April ist es anders: Das Ziel der Bomber ist Gartenberg. Die Flugzeuge werden aus Richtung Südwesten kommend sichtbar. Sirenen heulen auf, die Mitarbeiter der DAG verlassen fluchtartig ihre Arbeitsstelle. Sie rennen um ihr Leben.

Ungefähr 4000 Brand- und 1200 Sprengbomben werden
in zwei Bombenteppichen innerhalb von nur drei Minuten
von 76 Flugzeugen über Gartenberg abgeworfen.
"Neben dem Gebäude der Feuerwache befand sich die
Lehrlingswerkstätte für 20 bis 24 Lehrlinge. (...)


Sie war nur einige hundert Meter von dem Feuerwehrgebäude entfernt.
Als dann an diesem Tag der Alarm kam, sind die Burschen wie der Blitz
zu uns rübergerannt. Und kaum waren sie in dem Gebäude der Feuerwehr, sind die ersten Bomben gefallen.

Sie trafen die Lehrlingswerkstätte. Sie wurde total zerstört",
erinnert sich Anton Bräuhäuser, Chef der 45 Mann starken Werksfeuerwehr. Kein Lehrling kommt ums Leben, wohl aber ein Arbeiter aus Königsdorf,
der es nicht schnell genug zum Luftschutzbunker schafft.



Feuerwehr-Kommandant
Anton Brauhäuser




Sachschaden ist nur gering

Trotz der großen Menge Bomben ist der Sachschaden gering. Zerstört werden neben der Lehrlingswerkstatt nur das Wachslager und das Packmittellager. Was aber hätte passieren können? Katastrophal wären die Folgen selbst für das benachbarte Wolfratshausen gewesen, wäre auch nur einer der auf dem Fabrikgelände stehenden Eisenbahnwaggons, bis oben gefüllt mit Sprengstoff, getroffen worden. Das brennende Wachslager indes verursacht eine riesige grauschwarze Rauchwolke.

Ist das vielleicht der Grund, warum die Bomber nicht zurückkehren, wie Bräuhäuser vermutet. Wollen die Allierten nur zeigen, was passieren kann, wenn sie wollen, daß sie längst Bescheid wissen über die Munitionsfabriken?

Auch der geheime "Weekly damage report" (Wöchentlicher Zerstörungs-Bericht) der US-Luftwaffe vom 20. April gibt darüber keine Auskunft. Darin heißt es lediglich (vom Autor übersetzt): "Es scheint, daß es nur geringe Zerstörungen gegeben hat, obwohl es eine Ansammlung von vielen Kratern im nördlichen Drittel des Ziels gibt."




Stillstand schon vor dem Ende

Aber zu diesem Zeitpunkt ist ohnehin schon fast alles vorbei.
Der Krieg ist längst verloren.
Die Produktion im Wolfratshauser Forst kommt zum Stillstand,
nur drei Wochen später marschieren die Amerikaner ein.
Sie übernehmen (und demontieren in den nächsten Jahren)
zwei der größten Rüstungsfabriken des Dritten Reiches.
Bei der Produktion des Sprengstoffs Nitropenta sind sie Nummer 1
und bei Zündhütchen haben sie 75 Prozent "Marktanteil".


In den ersten Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner
plündern ehemalige Fremdarbeiter und befreite KZ-Häftlinge
die Rüstungsfabriken. 1947/48, nach der Vernichtung und dem Abtransport der noch vorhandenen Sprengstoffe, werden 240 der rund 800 Gebäude gesprengt. Anschließend ziehen die ersten Flüchtlinge dort ein.
Auf den Trümmern der Rüstungswerke entsteht nach Jahrzehnten
des Aufbaus eine blühende Stadt -
Geretsried.





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Hintergrund:

Die Fabrik Wolfratshausen wird vom Dritten Reich nach einem bewährten Schema gebaut und betrieben. Die Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie, eine reichseigene GmbH kauft den Grund und verpachtet ihn an die Dynamit AG (DAG), Troisdorf, und die Deutsche Sprengchemie (DSC), eine Tochterfirma der WASAG. Die Höhe der Pacht, die die Montan
verlangt, ist gewinnabhängig.

Die DAG betreibt das Werk Tal I, im heutigen Gartenberg oder Geretsried-Nord. Hergestellt wird dort ab 1940 in drei Produktionslinien
(die vierte ist bei Kriegsende noch in Bau) der Sprengstoff Nitropenta.
Mit einer Kapazität von 600 Monatstonnen (tatsächliche Produktion 1944:
330 Monatstonnen) ist Geretsried der bedeutendste Nitropenta-Produzent
im Dritten Reich.

Hergestellt werden soll laut Planung zudem der Sprengstoff Pikrinsäure. Allerdings wird die Anlage im Krieg nicht mehr benötigt, die Bauarbeiten darum 1940 eingestellt. Produziert werden stattdessen
Initialsprengstoffe für Zünder (Bleiazid, Tetrazen, Bleinitroresorzinat).
Der beliebte Sprengstoff Hexogen wird bei der DAG nur getrocknet.

Das erheblich kleinere Werk Tal II, die DSC, wird in Geretsried-Süd, 
jenseits der heutigen Tattenkofener Straße errichtet. Unter Anderem
werden dort die von der DAG hergestellten Sprengstoffe zu Presslingen
verarbeitet und in Granaten und Zündladungen gefüllt. Der Betrieb wird
im Mai 1941 aufgenommen, im Endausbau - so der Plan - soll das Werk
eine Leistung von 1000 Monatstonnen haben.

Insgesamt werden von den Investoren für beide Werke über 600 Bunker
angelegt, teilweise zur Tarnung bis zu 20 Meter tief im  Boden. Die Anlage
hat eigene Kohle-Kraftwerke, eine eigene Wasserversorgung (am Isardamm) und eigene Barackenlager (Böhmwiese, Stein und auch Waldram,
wo feste Häuser gebaut werden). Die Rüstungsindustrie im Wolfratshauser Forst ist in jeder Hinsicht autark. Bis zu 4000 Menschen müssen dort arbeiten, zu 95 Prozent sind es zwangsverpflichtete Ausländer.