Wiechert im KZ
Die Wandlung des Dichters
Still
ist es in den vergangenen 40 Jahren um Ernst Wiechert geworden.
Dichterlesungen finden nur selten statt, und in öffentlichen Bibliotheken
sind nur seine
wichtigsten Bücher erhältlich.
Aber der 1950 verstorbene
Dichter, der ab 1933 in Ambach
und später auf dem von ihm
erbauten Gagert-Hof an der Münsinger Straße oberhalb des
Markts Wolfratshausen lebte,
gerät immer mehr in Vergessenheit.
In
den Jahren vor und nach der nationalsozialistischen Machtübernahme
und in der stürmischen Zeit nach dem Ende des Kriegs war das
anders.
Diese beide Epochen geben Zeugnis von den zwei Gesichtern
des
ostpreußischen Dichters,
den ein Streit mit Joseph Goebbels weltweit
berühmt werden ließ.
Vor
allem die Kulturkritik der Siegermächte verhalf Wiechert,
der
zwei Monate im KZ Buchenwald inhaftiert war, zu großem Ruhm.
Der Dichter der "inneren Emigration" galt nach Kriegsende
nicht nur in
Amerika als Sprachrohr des "anderen Deutschlands" -
jenes
Deutschlands, das mit den Nationalsozialisten nichts am Hut hatte.
Gerecht
wird dieses Bild Ernst Wiechert sicher nicht. Er war nie aktiv
im Widerstand gegen die Nazis, im Gegenteil, er war trotz
persönlicher Widersprüche bis zum Schluß ein
Nutznießer des Systems.
Es garantierte ihm Wohlstand - um den
Preis, den Mund zu halten.

Ernst Wiechert, 1928
Deutschnational und antisemitisch
Wiechert,
Jahrgang 1887, war Soldat im Ersten Weltkrieg.
Die Scheußlichkeiten
an der Front, die ständige Konfrontation
mit Tod und Verderbnis,
prägen den junge Lehrer.
Seine politische Gesinnung als Bürger
der ersten deutschen Demokratie,
der Weimarer Republik, ist
antidemokratisch und deutschnational.
Obendrein ist er ein Anhänger
der Rassenlehre und ein Antisemit,
wie sein Biograf, der in Paris
lehrende Germanist Guido Reiner nachweist.
Wiecherts
erstes viel beachtetes literarisches Werk ist der
1923
veröffentlichte "Totenwolf" - es verherrlicht die auch
von den Nationalsozialisten propagierten germanischen Kampf- und
Rassenideale.
Auf dem Schutzumschlag der Erstausgabe ist ein
Hakenkreuz zu sehen. Vorabdrucke in Zeitungen erlaubt der zu der Zeit
in Berlin lebende Dichter
nur nicht-jüdischen Verlagen.
Das Recht der Besitzenden
Ende
der 20er Jahre, vielleicht auch erst Anfang der 30er Jahre,
geht
Wiechert, Mitglied einiger völkischer Literaturvereinigungen,
dann doch auf Distanz zu den Nationalsozialisten - politisch gesehen.
Guido
Reiner schreibt über diese Zeit:
"Wenn
nun auch Ernst Wiecherts politische Einstellung
eine tiefgreifende
Wandlung erfahren hat, so lassen sich
sozialdemokratische Tendenzen
wohl kaum aus seinem Werk herauslesen.
In all seinen Romanen und
Erzählungen spielt der deutsche Adel im Osten
die Rolle einer
konservativen, alte Sitten und Bräuche
weiterreichenden Kraft
des Beschützenden.
Edle Gesinnung und Aufgeschlossenheit für
das Gemeinwohl vervollständigen dieses Idealbild."
Wiechert, der völkische, großdeutsche Dichter.
Auf Du und Du mit Waldemar Bonsels
Als
Wiechert 1933, nach seiner selbst veranlaßten Entlassung
aus
dem Schuldienst, in den Bezirk Wolfratshausen kommt,
ist er bereits
ein bekannter Dichter. Er hat für seine Romane
mehrere
Literaturpreise bekommen. Er ist finanziell gut bestallt.
Die
erste Station ist Ambach, wo er mit seiner zweiten Ehefrau Paula
das
Waldschlössl neben dem Sanatorium Wiedemann bezieht.
Gut
Freund wird er hier mit dem Dichterkollegen Waldemar Bonsels,
dem
Schöpfer der "Biene Maja", mit dem er ausgedehnte
Spaziergänge unternimmt. 1936 bezieht Wiechert ein eigenes Haus,
den Gagert-Hof,
oberhalb Wolfratshausens an der (alten) Straße nach Münsing.
Zu
diesem Zeitpunkt ist er schon auf Distanz zur herrschenden NSDAP
gegangen. Bei zwei Reden vor Münchner Studenten, 1933 und vor
allem 1935, wird seine Opposition zu den braunen Machthabern
deutlich.
Der
als elitär und schwierig geltenden Dichter, für den die
Freiheit
des Individuums inneres Anliegen ist, empfindet die
völkische Ideologie
wegen ihrer Gleichmacherei als Gräuel.

Ernst Wiechert (re.) empfing auf dem Gagert-Hof
prominente Besucher: Die Grafikerin Käthe Kollwitz
und Luftfahrt-Pionier Hugo Eckener (li.).
Auslandsreisen werden verboten
eine Auslandsreise in die Schweiz untersagt. Eine öffentliche Lesung1937 zum Thema "Recht und Gewalt" behindern bestellte Störer.Zum endgültigen Bruch mit dem System kommt es, als er im Dezember 1937 an Reichspropagandaminister Goebbels einen Brief schreibt, Zitat:
"Ich bin überzeugt, daß der einfachste Hütejunge aus meiner Heimat
mehr Takt und Kultur gezeigt haben würde als die Beamten
der höheren Kulturbehörde des Dritten Reiches."
Zwei
Monate später legt Ernst Wiechert öffentlich Protest ein
gegen die Verhaftung von Pfarrer Martin Niemöller,
Mitbegründer der als staatsfeindlich angesehenen "Bekennenden
Kirche". Und als der Dichter im Frühjahr 1938 seine
Ja-Stimme
zum "Volksentscheid" über den Anschluß
Österreichs verweigert
und die Sammler vom Winterhilfswerk an
der Tür abweist,
greift die Geheime Staatspolizei (Gestapo) zu.
Im KZ Buchenwald
Am
6. Mai 1938 wird Wiechert ins Polizeigefängnis nach München
gebracht, von wo man ihn am 2. Juli ins KZ
Buchenwald überführt.
Die Maßnahme bleibt freilich
umstritten: Freunde und Anhänger
seiner Dichtkunst setzen sich
für ihn ein. Dazu gehört auch der Reichsinnenminister
Frick, der Wiechert persönlich gekannt haben mag, d
a er nahe
Hechenberg ein Haus (den "Bergerhof") besitzt.
Am 30.
August 1938 wird Wiechert aus der Haft wieder entlassen.
Es
kommt zu einer persönlichen Begegnung mit Goebbels,
über
deren Inhalt nichts überliefert ist.
Immerhin wird Wiechert
danach auch wieder gnadenhalber
in die
Reichs-Schriftstellervereinigung aufgenommen.
[Einschub:
Offenbar hat sich jedoch Goebbels selbst kurz zu dieser (?) Begegnungin seinen Tagebüchern geäußert. Zitat 30. August 1938:
"Ich lasse mir den Schriftsteller Wiechert aus dem K.Z. vorführen
und halte ihm eine Philippica die sich gewaschen hat.
Ich dulde auf dem von mir betreuten Gebiet keine Bekenntnisfront.
Ich bin in bester Form und steche ihn geistig ab. Eine letzte Warnung! Darüber lasse ich auch keinen Zweifel.
Der Delinquent ist am Schluß ganz klein und erklärt,
seine Haft habe ihn zum Nachdenken und zur Erkenntnis gebracht.
Das ist sehr gut so.
Hinter einem neuen Vergehen steht nur die physische Vernichtung.
Das wissen wir nun beide." *
Ich danke Klara Deecke für diesen Hinweis
19.08.07,
Joachim Braun]
Allen
Vergünstigungen im Gefängnis zum Trotz -
Wiechert wurde von
der Familie besucht und durfte Bücher lesen -
hat der Dichter
die knapp viermonatige Haft schlecht überstanden.
Er ist krank
und, wie's heißt, "seelisch gebrochen".

Ernst Wiecherts Zuhause, der Gagert-Hof.
Jahreseinkommen 100000 Reichsmark
Aber
Wiechert erfährt nun die Unterstützung der
Parteioberen.
Er darf schreiben und fast alle seiner bereits
erschienen Werke,
vor allem die völkischen "Bestseller",
werden weiterhin gedruckt
und verbreitet. Finanziell geht es im auf
dem Gagert-Hof glänzend:
1939 und 1940 verfügt er über
ein Einkommen von jeweils
um die 100.000 Reichsmark - "ungefähr
das Zehnfache
eines Diplom-Ingenieurs in leitender Stellung"
(Guido Reiner).
Erst
nach Kriegsende tritt Ernst Wiechert aber wieder öffentlich
auf.
Er veröffentlicht "Der Totenwald", in dem er seine Erlebnisse im KZ erzählt, und - kurz vor seinem Tod
- den Kriegsheimkehrer-Roman
"Missa sine nomine".
Wiecherts letzter Versuch, in einem Sanatorium
in der Schweiz von
seinen aus der Haftzeit gebliebenen körperlichen Leiden geheilt
zu werden, scheitert allerdings:
Der Dichter stirbt am 24. August
1950 im Alter von nur 63 Jahren in Uerikon.
Seine
Witwe Paula lebt bis zu ihrem Tod 1972 auf dem Gagert-Hof.
Sie wird
in Degerndorf beigesetzt. Die dortigen Kirchenglocken
waren von
Ernst Wiechert nach Kriegsende gestiftet worden.
* "Die Tagebücher von Joseph Goebbels", Herausgegeben von Elke Fröhlich, Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, Teil 1/Band 6, August 1938 - Juni 1939, K. G. Saur Verlag, München, 1998, ISBN: 3-598-23736-7
im Internet unter:
Leonore Krenzlin: "Nach dem Scheiterhaufen.
Reaktionen von Schriftstellern im deutschen Reich." http://www.politische-bildung-brandenburg.de/publikationen/pdf/
brennende_buecher.pdf