Mangelware Bier
Aus Krieg spielen wird blutiger Ernst
"He,
Burger, aufstehn. Einrückn muaßt." Es ist 4 Uhr
früh,
ein Tag im August 1939. Unsanft wird der Dorfener Landwirt
Ludwig Burger aus den Federn geholt. Der Einberufungsbefehl ist da.
Burger muß sofort nach Bad Tölz fahren und sich im
Kolberbräu melden.
Wenige
Tage später, am 1. September, wird aus dem Krieg spielen
blutiger Ernst. Ludwig Burger gehört zu den ersten jungen
Männern
aus dem Wolfratshauser Bezirk, die zum Polen-Feldzug
einrücken müssen. Sechs Jahre Fronteinsatz stehen vor ihm.
Er hat Glück: Er überlebt.
Kein
Glück hat Kajetan Schmiedecker, Melker aus Höfen bei
Königsdorf.
Er stirbt bereits am 8. September 1939 -
acht Tage
nach Beginn des Krieges - bei Wegierski in Polen.
Kein
Glück hat auch Rudolf Pflügler, landwirtschaftlicher
Arbeiter
aus Wolfratshausen. Er ist 23 Jahre alt, als er nahe dem
galizischen Dukla fällt. Schmiedecker und er sind die beiden ersten Soldaten
des
Bezirks Wolfratshausen, die den "Heldentod fürs Vaterland"
sterben.
Der
Krieg, so fern die Front auch ist, ist in Wolfratshausen
stets
gegenwärtig: Davon zeugen die ungezählten
Gefallenen-Ehrungen
und Kondolenzanzeigen, die im "Wolfratshauser
Tagblatt"
veröffentlicht werden.
In Wolfratshausen erfolgte die Musterung,
in Tölz wurden die Rekruten eingezogen.
Die ersten Rekruten rücken ein
Vier
Jahre lang dauern im Deutschen Reich die Kriegsvorbereitungen:
Im
März 1935 führt Adolf Hitler die allgemeine Wehrpflicht
wieder ein -
ein klarer Bruch des Versailler Vertrags. Bereits am 29.
Oktober
rücken auch die ersten Rekruten aus dem Bezirk
Wolfratshausen
in die Kasernen ein. Gemustert werden die jungen
Männer
in der Landwirtschaftsschule am Untermarkt (heute:
Heimatmuseum).
Am
13. Mai 1936 findet in Erwartung späterer Luftangriffe in
Wolfratshausen die erste Verdunkelungsübung statt. Das
"Wolfratshauser Tagblatt": "Während sonst mit
Eintritt der Dunkelheit der Schein
häuslicher Beleuchtung
menschliche Siedlungen ankündigt,
war am Mittwoch abend der
ganze Bezirk in völlige Dunkelheit gehüllt.
Die
erste große Verdunkelungsübung hatte abends 8 Uhr ihren
Anfang genommen und in ihrem Verlauf gezeigt, daß es mit der
Gemütlichkeit
zu Ende ist, wenn einmal der Ernstfall eintreten
sollte."
Übungen wie diese finden von nun an regelmäßig
statt.
Dem
Luftschutz im kommenden Krieg dienen auch staatlich verordnete
"Entrümpelungsaktionen". Der Grund ist laut
"Wolfratshauser Tagblatt"
(28. August 1937):
"Dinge,
die in brand gefährdeten Gebäudeteilen unbeachtet
schlummern, bedeuten für das ganze Haus und die Nachbarschaft
eine ständige Feuergefahr, die sich bei Luftangriffen
mittels
Brandbomben katastrophal auswirken müssen."

Verdunkelung als Bürgerpflicht.
"Je mehr Verwundete desto pfundiger"
Auch
an den Schulen werden für die siebten und achten Klassen
Luftschutz-Kurse gegeben. Das "Tagblatt":
"Es waren
Kurse voller Begeisterung und Disziplin.
Ob es in den Gasraum ging,
ob man dem brennenden Mann
zu Leibe rückte (...), alle wollten
vorne dran sein.
Die Mädel aber verlegten sich doch mit Vorliebe
aufs Verbinden.
Je mehr Verwundete, desto pfundiger war's."
Von
10. bis 19. März 1937 registriert die Wehrmacht alle bäuerlichen
Pferde, Maultiere und Esel "ohne Altersgrenze nach oben"
("Tagblatt")
in einer "Vormusterung": "Alle
Tiere sind sauber beschlagen
und mit einem brauchbaren Fahrgeschirr,
soweit Reitausrüstung vorhanden ist, mit dieser, vorzuführen."
Alljährlich
wird der Pferdebestand neu überprüft.
Wie nah der Krieg
schon ist, belegt eine Zeitungsmeldung vom 1. Juni 1939: Für 5
Reichsmark werden Volks-Gasmasken angeboten.
"Sie bietet einen
persönlichen Schutz und macht in mancher Hinsicht unabhängig
von Luftschutzkeller."
Kriegszeit ist Mangelzeit
Aber
die Kriegszeit ist vor allem Mangelzeit. Drei Tage vor Beginn
des
Einmarsches in Polen wird auch in Wolfratshausen
die
Bezugsscheinpflicht für alle wichtigen Gebrauchsgüter,
für
Lebensmittel, Seife und Kohle, eingeführt.
"Bei
unseren Hausfrauen verursachte diese ungewohnte Maßnahme
einige
Änderungen im Tagesablauf. Es muss betont werden,
dass
überall im Isartal musterhafte Ruhe und Ordnung herrscht."
Auch
der Verkehr ist eingeschränkt: Die Isartalbahn fährt
täglich
nur noch zweimal nach München.
Zum
1. Dezember '39 wird zudem noch die Reichskleiderkarte eingeführt.
Laut "Tagblatt" ist sie eine "Verbesserung".
Weitere Folgen der Zwangsbewirtschaftung sind die Reichsbrotkarte,
die Fettkarte, die Milchkarte. Dazu gibt's Bezugsscheine für
Marmelade, Zucker, Eier und vieles andere. Wer verreist, bekommt
eigene Karten.
Auch Benzin und Treibstoff sind rationiert.
Verwaltet
wird der Mangel von zwei Behörden, dem Ernährungsamt
und
dem Wirtschaftsamt (für Baustoffe, Kleidung, Reifen und anderes).
Behelfsmäßig sind sie zuerst in der Landwirtschaftsschule
am Untermarkt untergebracht, später dann im Gebäude der
NSDAP-Kreisleitung
an der Sauerlacher Straße (gegenüber
Foto-Knödler, d. Autor).
"Nr. 4" schmeckt nach Krieg"
Je
länger der Krieg dauert, umso größer ist der Mangel.
Die Gastwirtschaften in Wolfratshausen haben ab 1941
mindestens einen
Tag in der Woche geschlossen.
Fleisch ist ohnehin Mangelware, aber
nun wird selbst Bier kontingentiert.
Das "Tagblatt" am 7.
Mai 1941: "Es ist noch niemand gestorben,
wenn er ein paar Halbe
weniger gehoben hat."
Auch
die Raucher müssen sich einschränken:
Die Monatsration
Zigaretten reicht höchstens ein paar Tage.
Man geht dazu über,
selber Tabak anzubauen.
Die "Sondermischung Nr. 4" schmeckt
nach Krieg und riecht nach Krieg.
Der Milli-Messer kontrolliert
Heute
ist's der Butterberg, der Probleme bereitet -
vor 55 Jahren war's die
Fettlücke: Zur Steigerung der Fettproduktion
werden ab 1939 alle
bäuerlichen Betriebe regelmäßig überprüft.
Das für Wolfratshausen zuständige Tierzuchtamt Miesbach
stellt für jede Milchkuh ein Kontrollblatt aus. Der
"Milli-Messer",
so heißt im Volksmund der staatliche
Kontrolleur, i
st natürlich alles andere als beliebt. Er legt
genau fest,
welchen Anteil aus der Nahrungsmittelproduktion die
Landwirte
für den eigenen Bedarf behalten dürfen.
Wo
heute fast ausschließlich Weidewirtschaft betrieben wird,
bauten die Bauern in den Kriegsjahren auch Getreide, Kartoffeln, Raps
und Flachs an.
Zentral verarbeitet wird der Flachs in der Falak in Bichl.
Die
Ortsbauernführer sind zuständig dafür, dass
genügend Schlachtvieh
für den Bedarf der Wehrmacht
abgeliefert wird.
Viehzählungen sollen Schwarzschlachtungen
verhindern.
Von
den etwa 25000 Menschen im Bezirk Wolfratshausen
sind knapp ein
Viertel Selbstversorger. Das "Wolfratshauser Tagblatt"
listet kurz vor Weihnachten 1939 den monatlichen Bedarf im Bezirk
auf:
"160.000
Kilo Brot, 12.000 Kilo Mehl, 45.000 Kilo Fleisch,
12.500 Kilo Butter,
6000 Kilo Margarine, 51.000 Liter Vollmilch
und zwar 47.000 Liter für
Kinder und 3000 Liter für werdende Mütter." Aufgeführt
werden ferner: "600 Kilo Kunsthonig, ebenso viel Kakao,
15.000
Kilo Käse und Quark. Enorm ist auch der Verbrauch an Zucker
mit
rund 30.000 Kilo, dafür Nährmittel und Teigwaren nur 15.000
Kilo. Benötigt werden Kaffee-Ersatz- oder -Zusatzmittel rund
10.000 Kilo."

Ein katastrophales Hochwasser macht
den Wolfratshausern 1940 noch
zusätzlich zu schaffen.
Unwetterkastrophen im Kriegsjahr
Nicht
allein der Krieg und die damit verbundene Not
machen den
Wolfratshausern 1940 schwer zu schaffen,
sondern auch die Unbill des
Wetters. Schwere Regenfälle
in den letzten Maitagen lassen die
Loisach über die Ufer treten.
Der Damm oberhalb des
Marktes wird unterspült und bricht,
im loisachnahen Weidach
steht das Wasser ein bis zwei Meter hoch.
Der
Hang an der Schlederleiten kommt an fünf Stellen ins Rutschen.
Der Bahnbetrieb ist wochenlang unterbrochen. Französische
Kriegsgefangene müssen die Bahnlinie reparieren.
Am
23. August 1941 bricht ein verheerendes Hagelwetter über
Wolfratshausen herein. Pfarrer Matthias Kern notiert:
"Die Hagelkörner
lagen gut zwei Hand hoch,
es sah aus wie im tiefsten Winter. Gärten
total vernichtet, Obst am Boden, Fenster in Mengen zertrümmert."
Der
Winter 1941/42, der den deutschen Soldaten an der Ostfront
in Rußland
so furchtbar zusetzt, bringt im Bezirk Wolfratshausen Temperaturen
von bis zu 32 Grad minus und dauert bis Mai.