Der Volksfeind: Lieber Gott, mach mich stumm
Wie Pfarrer Kern die Nazis austrickst
Die
einzige organisierte Gegenkraft zu den Nationalsozialisten ist in
Wolfratshausen die katholische Kirche. Bis 1933 finden zweimal im
Jahr
im Bernrieder Hof (der heutigen Musikschule) und in der
Turnhalle
religiöse Männertagungen statt. Zu den
regelmäßigen Gästen
gehört sogar der später
selig gesprochene Pater Rupert Mayer,
der über Hitler sagte
,,Der Mensch hat ja von Religion keine Ahnung." Gefallen wollen
diese Aktivitäten den Nazis nicht.
Die
Spannungen zwischen Ortskirche und Partei steigern sich ab 1933
erheblich. Am 25. September ordnet das Bezirksamt Wolfratshausen die
Überwachung aller katholischen Vereine an. ,,Jedwelche
Betätigung" außerhalb der Kirche wird verboten, mit
Ausnahme der ,,unbedingt notwendigen Proben von Kirchenchören
sowie im mäßigen Umfang Vorstandssitzungen zur Erledigung
von Unterstützungsgesuchen".
Der
Wolfratshauser Pfarrer Matthias Kern, erklärter Gegenspieler der
NS-Bürgermeister Schrott und Jost, reagiert darauf geschickt.
Er
bietet den Jugendgruppen die Kirche als Treffpunkt an.
Auch
Kerns Mitarbeiter, der Kooperator Karl Schuster, profiliert sich
im
Kampf gegen das Regime. Kern über Schuster: ,,Ein unnachgiebiger
Gegner des Nationalsozialismus, dessen Opfer er schließlich
wurde."
Die Wolfratshauser Gläubigen bewundern seine
Unerschrockenheit,
fürchten aber stets, daß Schuster
verhaftet wird.
Eine
bekannte Redewendung auch in Wolfratshausen heißt: ,,Lieber
Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm."
1939 passiert es tatsächlich, Schuster wird verhaftet: Er kommt
erst sechs Jahre später,
nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wieder frei.
Der
Religionsunterricht in der Landwirtschaftsschule wird 1934 trotz
großer Proteste der Schüler abgeschafft. Pfarrer Kern
verlegt die Stunden in die Sakristei der Pfarrkirche. Im Jahr darauf ist an
Sebastiani letztmals die Beflaggung mit weiß-blauen Fahnen
gestattet. Und ab 1936 sind
außerhalb der Kirche überhaupt
keine Veranstaltungen mehr möglich.
Auch
der Orden der "Armen Schulschwestern", der seit 1840 im
Markt tätig ist, bekommt die Repressalien der Partei immer mehr
zu spüren. 1936 veranlasst Pfarrer Kern eine Stellungnahme
aller Eltern, die Kinder
in der Bewahranstalt und in der Schule
haben. 180 Elternpaare setzen sich für die Schwestern ein,
darunter auch evangelische Gläubige.
Bürgermeister Jost
schimpft Kern einen ,,Schleicher".

Pfarrer Matthias Kern
Hier wohnt ein Volksfeind
Die Primizfeier des Wolfratshauser Neupriesters Josef Winklmeier findet 1938 ausschließlich in der (allerdings prächtig geschmückten) Kirche statt: Es gibt auf der Straße keinen Schmuck, keine Girlanden, keine Fahne und keinen Kirchenzug.
Kooperator
Schuster gerät immer mehr in die Schusslinie der Nazis: Das ehemalige Benefiziatenhaus im Untermarkt, in dem er mit seiner
Schwester lebt, wird mit Parteiplakaten beklebt. Als die beiden diese
wegreißen, werden sie für kurze Zeit ins nahe Gefängnis
gesperrt. An ihrem Haus prangt
nun ein neues Plakat: ,,Hier wohnt ein
Volksfeind". Als Gegenleistung
für die Freilassung muss
Schuster versprechen, Wolfratshausen zu verlassen.
Auch
Pfarrer Kern bekommt den steigenden Druck zu spüren. Er hat
Unterrichtsverbot. Im Juli 1939 kümmert sich sogar Goebbels
Reichspressekammer um den Fall Kern: Dem streitbaren Prediger wird
verboten, die wöchentliche Gottesdienstordnung zu verteilen.
Dagegen widersetzt sich der Priester: Er vervielfältigt die
Kirchenzettel
selber und bringt sie den Kirchgängern persönlich
nach Hause.
Mit
Beginn des Krieges wird die Situation noch schlimmer: Prozessionen
können nur noch am frühen Morgen stattfinden, die
Fronleichnamsfeier ist untersagt, sie wird am Sonntag darauf in
Gelting gefeiert.
Die Glocken dürfen nicht mehr geläutet
werden, später werden sie beschlagnahmt und des Metalls wegen
eingeschmolzen.
Im
Frühsommer 1940 wird den Armen Schulschwestern auch der
Kindergarten entzogen, am 10. Juni eröffnet die Partei einen
neuen,
geführt von drei NSV-Schwestern (NS-Volkswohlfahrt) und
einer Köchin.
Nun
greift der Staat auch nach dem Schrifttum der Kirchen.
Die
Kirchenblätter werden verboten, Literatur beschlagnahmt, die
Pfarrbücherei überwacht: Was an Büchern erlaubt ist,
bestimmt die politische Partei.
Pfarrer
Kern legt sich am Weißen Sonntag erneut mit der NSDAP an:
Als
der Wolfratshauser Theologiestudent Georg Fuchs in Freising zum
Priester geweiht wird, lässt er die Glocken läuten.
Zur Primiz von Fuchs
ist die Wolfratshauser Kirche bis zum
letzten Platz gefüllt.
Schulkreuze sollen weg
Was
folgt, ist ein offener Kampf: Der Münchner Gauleiter Wagner bestimmt
am 23. April 1941, dass alle Schulkreuze entfernt werden müssen.
Mit dem folgenden Entrüstungssturm vor allem der Mütter
hatte die Partei allerdings nicht gerechnet.
Tatsächlich
nimmt Wagner seine Verfügung am 28. August wieder zurück.
Ein SS-Angehöriger, der sich im Urlaub in Wolfratshausen trotz
Verbots kirchlich trauen läßt, erhält eine schwere
Rüge. Er wird als ,,Volksschädling" gebrandmarkt.
Auch
in Wolfratshausen fordert nun der Krieg immer mehr Opfer. Pfarrer
Kern ist tröstender Anlaufpunkt für die trauernden
Angehörigen. Zu seinem 40jährigen Priesterjubiläum und
zum 20jährigen Pfarrjubiläum findet am 28. Juni 1942 ein
großer Festgottesdienst statt. Die Beteiligung ist
überwältigend - obwohl ,,Zeit, Leid, Klage, Krieg und
Kriegsopfer, Druck und Verbot jede Zustimmung und Freude drücken",
wie Kern den Gläubigen sagt.
Seine
politischen Äußerungen bringen ihm die Gestapo ins Haus,
.Einmal wird Kern ins Wittelsbacher Palais nach München vorgeladen.
Inspektor Pfeifer brüllt den Priester an: ,,Wir haben immer mit
dem Pfarrer Kern zu tun. Wir wollen Ruhe von Ihnen haben. Wir haben
unsere Zeit
für bessere Dinge. Sie verzichten auf die Pfarrei
Wolfratshausen,
oder ich werde Schutzhaft über Sie verhängen."
Kern wählt die Haft.
Der
Protest aus Wolfratshausen, wo ohne jede Rücksicht auf das
eigene Wohl auch von Parteimitgliedern das Vorgehen der Gestapo
verurteilt wird, verhallt indes ungehört. Kardinal Faulhaber indes
sieht keine Chance mehr,
Kern zu halten. Er entlässt den
Wolfratshauser Pfarrer aus seinem Amt.
Kern wird daraufhin von den Nazis wieder freigelassen.
Die
braunen Machthaber gehen nicht nur gegen Pfarrer Kern vor.
Sie versuchen die Position der Kirche auch durch andere Maßnahmen
zu schwächen - auf lächerliche Art bisweilen: 1935 fordert
die örtliche Hitler-Jugend, die Hakenkreuzfahne ganz oben in der
Kuppel der Kirche
zu hissen.
Erst
als der zuständige Kommissär der politischen Polizei
erkennt,
welche schwierige Kletterei damit verbunden ist, wird der
Plan
fallen gelassen. Aber die Kirchweihfahne, so die offizielle
Anordnung
der Partei, darf nicht höher hängen als die
Hakenkreuzflagge.
Noch
kurioser: Ab Mai 1935 dürfen Maibäume nicht mehr weiß-blau
angestrichen werden, nazi-braun ist die Farbe der Farben.
Von April 1935 an veröffentlicht das gleichgeschaltete
"Wolfratshauser
Tagblatt" auch keine Kirchenanzeiger mehr.
Angeblich, so die vorgeschobene Begründung, sind von der Pfarrei
die notwendigen
Angaben nicht regelmäßig weitergegeben worden.
Das
"Tagblatt" an seine Leser: "Wir haben seit Jahren,
trotz immer wiederkehrenden Missbrauchs der Gottesdienstordnung
zu politischen Zwecken, (...) unter außerordentlich großen
Geld- und Raumaufwendungen der Seelsorge durch den Abdruck der
Gottesdienstordnungen zu dienen versucht. (...)

1942 ließen die Nazis die Kirchenglocken einschmelzen
Wenn
jedoch von übergeordneter Stelle durch willkürlichen
Entzug (...)
eine Überwachung der Parteipresse in der Ausübung
ihres Amts,
in dem jeder Schriftleiter allein seinem Gewissen und dem
Reichspropagandaminister verantwortlich ist, versucht werden soll,
erscheint es uns notwendig, solche Zumutungen durch Einstellung einer
kostspieligen und nicht bedankten Hilfe zu beantworten." Alles
klar?
(siehe auch http://www.histvereinwor.de/hvw2006/buch/buch.htm).