Geschlagene Gesellen
Schutzhaft für einen ledigen Schreiner
Der
28jährige Adolf Reiser ist auf dem Weg von der Arbeit zu seiner
Wohnung in Weidach. Als der ledige Schreiner den Bahnhof
Wolfratshausen verlässt, greift die politische Polizei zu.
Es ist der 1. April 1935;
Reiser wird verhaftet und zum Gefängnis
am Untermarkt abgeführt.
Vom Fenster der Bahnhofs-Wirtschaft aus
beobachten Ortsgruppenleiter Kaspar Obermeier und einige
herbei bestellte Parteigenossen
das Schauspiel.
Der
in "Schutzhaft" genommene Reiser ist Vorstand des
katholischen Gesellenvereins Wolfratshausen (heute Kolpingsfamilie) -
einem der Hauptgegner des Nazi-Regimes vor Ort. Nur einen Tag nach
Reisers Verhaftung wird denn auch "zur Abwehr von Gefahren für
die öffentliche Ordnung und Sicherheit" (Landrat Adolf v.
Liederscron) dem Verein
auf drei Monate jede Tätigkeit verboten.
Diese beide Maßnahmen sind
der Höhepunkt eines ungleichen
Kampfes zwischen der NSDAP und dem katholischen Verein.
Bereits
am 20. März 1933 verweigert die Vorstandschaft einstimmig,
an
einem Fackelzug der NSDAP teilzunehmen. Reiser in der Rückschau:
"Wir wollten bleiben, was wir waren." Auch einer Jubelfeier
zu Ehren von Hitlers Geburtstag (20. April 1933) bleiben die
Gesellen fern.
Beim
Deutschen Gesellentag in München, Anfang Juni, machen
die
Wolfratshauser Kolping-Anhänger erstmals Erfahrungen mit der
Schlagkraft der neuen Machthaber. SA-Horden verprügeln auf
offener Straße die Versammlungsteilnehmer.
Reiser: "Wir
Wolfratshauser zogen uns in die Pschorrbräu-Bierhallen zurück
und wurden dort vor den Anpöbelungen der SA in Schutz genommen.
Dann aber kam SS, und einige von uns mussten die ersten Schläge
roher Gewalt erdulden."
Zu
den ersten Auseinandersetzungen kommt es im Herbst 1933:
Die
politische Polizei gibt bekannt, dass Veranstaltungen,
sofern
sie nicht rein kirchlich sind, künftig untersagt werden.
Im Juni
1934 versucht die örtliche NSDAP dem populären Verein
auch
dadurch die Basis zu entziehen, dass die Doppelmitgliedschaft
in
einer katholischen Vereinigung und einer NSDAP-Organisation
unzulässig sei.
Wer
aber im Dritten Reich etwas werden will, kommt an der Partei
nicht
vorbei. Trotzdem lassen sich die Gesellen nicht abschrecken -
zum
Jahresende 1934 verzeichnet die Kolpingsfamilie Wolfratshausen
63 Mitglieder;
1931 waren es erst 55 gewesen.

Eine Demonstration der Macht:
Nazi-Aufmarsch in Wolfratshausen
"Nur noch blaue Augen, ergo arisch"
Im
Jahr 1935 wird das Versammlungsverbot zwar lockerer gehandhabt,
allerdings hat eine vierteilige Vortragsreihe, zu der in die Kirche
eingeladen wird, die erneute Verhaftung von Vorstand Reiser zur
Folge.
Nach vier Tagen wird er dank des Einschreitens des Münchner
Generalvikars wieder freigelassen.
Aber
der Verein kommt nicht mehr zur Ruhe: Bei der Hauptversammlung
am 5.
August 1935 stürmen uniformierte SS-Leute den Saal
und
beschimpfen und bedrohen die "schwarzen Brüder".
Als
drei der Vereinsmitglieder nach Hause gehen wollen,
werden sie in ein
Auto gezerrt, in einen Wald verschleppt und verprügelt. Dabei
wird auch das Mitgliederverzeichnis des Vereins gestohlen -
für die
"schwarze Liste" der NSDAP.
Zehn
Tage später, am Himmelfahrts-Tag, eskaliert die Gewalt:
Gesellenvereins-Mitglieder, die sich im Meislbräu getroffen
haben,
werden von SS-Leuten mit Gummiknüppeln blutig geschlagen
-
während die Orts-Gendarmerie zuschaut.
Der
kurz zuvor geweihte Priester Josef Winklmeier rennt hilferufend
den
Markt hinunter. Da wird auf ihn geschossen.
Winklmeier läuft zur
Loisach und springt im schwarzen Anzug hinein.
Gastwirt Fagner, der
einen der SS-Schläger stellt,
wird mit dem Revolver bedroht.
Kolping-Präses
Karl Schuster, ein ausgewiesener Gegner
der Nationalsozialisten, schreibt
am 18. August in einem Brief:
"Gesund, nur noch blaue Augen,
ergo arisch."
Fortan
wirkt der katholischen Gesellenverein nur noch im Verborgenen:
Das
offizielle Vereinsleben ist durch die Gewaltakte lahmgelegt.
Zudem
werden immer mehr Mitglieder zum Arbeitsdienst
oder zur Wehrmacht
eingezogen.
Erst
am 3. Dezember 1945 kann der Verein wieder zusammentreten.
Vorsitzender Adolf Reiser: "Ich möchte anknüpfen an
unsere letzte Versammlung vor zehn Jahren, wo die Revolver hinten am
Tisch lagen
und einige unserer Freunde entführt wurden. Aber
trotz allem hat
ein Häuflein auch hier in Wolfratshausen Kolping
die Treue bewahrt,
und dass wir hier wieder zusammen sein
dürfen,
das ist auch unsere Belohnung für unsere aufrechte
Haltung,
die jeden Zwang ablehnte,
der Handlungen gegen das Gewissen
verlangte."
Prügel von der SS
Ähnlichen
Repressalien ausgesetzt wie der Katholische Gesellenverein
Wolfratshausen ist seit der Machtübernahme Hitlers 1933
auch der
Katholische Arbeiterverein. Auch dessen Tätigkeit wird
am 15.
August 1935 gewaltsam beendet. Eine Versammlung
im "Löwenbräu"
wird von der SS gesprengt,
die Vereinsmitglieder
beschimpft, bedroht und geschlagen.
In
der handschriftlichen Vereinschronik wird danach notiert:
"Der
katholische Arbeiterverein Wolfratshausen hält nun
keine
Veranstaltungen und Zusammenkünfte mehr ab,
um nicht Leben und
Gesundheit seiner Mitglieder in Gefahr zu bringen.
Bei
der ersten Versammlung nach Wiedergründung des Vereins am
Fronleichnamstag (20. Juni) 1946 im Nebenzimmer des "Löwenbräu"
freut sich der Chronist, dass "der furchtbare Terror und
die ständige Verfolgung unseres Glaubens" endlich vorbei
seien.
Der Arbeiterverein ist heute noch aktiv, unter dem Namen
Katholische Arbeitnehmer-Bewegung, kurz: KAB.