Kleine Krieger
Losung
Es stehen 6000 in dunkler Nacht,
als stünden sie um Deutschland Wacht,
sie stehen stumm, sie stehen stille,
es hämmert in ihnen der eiserne Wille:
Wir sind zum Sterben für Deutschland geboren
und nicht zu dienen blöden Toren!
Regiert von des Führers Hand,
umschlungen von der Treue Band,
so schauen wir stolz zum Lichte auf,
auf unsere Feinde mutig drauf!
Nicht sehen wir um uns den Wahn,
wir stehen unter des Führers Bann,
wir kämpfen und wir wollen sterben
und für ein neues Deutschland werben!
Wir wollen kämpfen für ein Reich,
wo einer ist dem anderen gleich!
Groß-Deutschland schwebt uns vor den Augen,
ewig wollen wir dran glauben.
Ein Pimpf
(veröffentlicht in der Hochlandlager-Zeitung vom 21. August 1934)
Rudolf Hess zu Gast im Lager
Nichts mehr erinnert in der Jugendbildungsstätte Königsdorf an die Vergangenheit. Lediglich der im Volksmund weiter geläufige Begriff "Hochlandlager" deutet auf die Ursprünge der internationalen Begegnungsstätte hin.
1934
wird, wie überall im Deutschen Reich, auch im "Hochland"
ein HJ-Lager eingerichtet, erst am Riegsee bei Murnau
und in der Jachenau. Dann kauft die NS-Nachwuchsorganisation
von der Landeshauptstadt München das Gelände an der Rothmühle,
zwischen Königsdorf und Bad Tölz.
Das Areal unweit der Isar ist bestens geeignet
für die angestrebte vormilitärische
Erziehung der Hitler-Jugend (HJ)
und später auch des Bund Deutscher Mädel
(BDM).
In Betrieb genommen wird das Hochlandlager am 9. Juli 1934.
"Königsdorf
und Umgebung standen im Zeichen der anmarschierenden Hitler-Jugend.
Von Tölz und von Beuerberg her kommen sie
in drei Heerzügen
mit flatternden Fahnen und frohen Liedern heran.
Überall war
trotz des schlechten Wetters beste Stimmung.
Im Lager ist überall
schon Hochbetrieb",
schreibt das "Wolfratshauser Tagblatt". Jeweils 4000 Jungen
aus dem gesamten Reich werden für jedes Mal 20 Tage
ausgebildet.
1936 werden ungefähr 8000 Buben im HJ-Lager unterrichtet.
Die Jahreslosung lautet "Disziplin und Glaube."
Obergebietsführer Emil Klein ist geradezu euphorisch:
"In diesem Jahr wurde der Jahrgang 1926 vollständig in das
deutsche Jungvolk aufgenommen. Der Jahrgang 1927
wird ebenso wie jeder weitere Jahrgang jeweils am Geburtstag
des Führers in die nationalsozialistische Jugend eingereiht."
Drei
Jahre später kommen auch die Mädchen. Anfang Juni 1937
ziehen 800 BDM-Führerinnen als erste von insgesamt 3200 Mädchen
zur Schulung in das Hochlandlager ein.
Nochmals
das "Tagblatt": "Weltanschauliche Ausrichtung und
sportliche Ertüchtigung setzt man von einem
nationalsozialistischen Jugendlager voraus. Darüber hinaus
sollen diese Führerinnen
ihren Mädels beispringen, wenn
ihnen im Dienst, auf Fahrt oder sonstwie
eine Krankheit zustößt,
und deshalb werden sie auch
in erster Hilfeleistung bei Unfällen
ausgebildet."
Die
Lager finden jeweils im Sommer statt. Für die Mädchen steht
der Sanitätsdienst an erster Stelle. "Fünf Ärztinnen
und eine Reihe von Gesundheitsmädel sind zur gesundheitlichen
Betreuung eingesetzt.
Obergauführerin Hilde Dziewas-Königbauer: "Die Mädchen lernen sich unterordnen, den Willen der Gemeinschaft dem eigenen voranstellen.
Sie leben in dieser Lagergemeinschaft und später in Dienst und Alltag
den Sinn des deutschen Frauentums vor, als deutsche Frau und Mutter
vollwertig in der Familie zu stehen, aber auch darüber hinaus
ins Volk zu treten."
Die weltanschauliche Schulung steht unter dem
Gedanken Großdeutschland", berichtet das "Tagblatt"
im Juli 1938.
"Zu
den beiden wichtigsten Tagen gehören die beiden Besuchstage.
Hier werden sich die Eltern selbst vom Lagerbetrieb überzeugen
können."
Welch
hohen Stellenwert die nationalsozialistische Erziehung
für die Partei
hat, zeigt schon die Tatsache, dass die bayerischen Lager
stets vom Ministerpräsidenten, Gauleiter Adolf Wagner,
eröffnet werden.
Am 30. Juli 1938 hat das Lager hohen Besuch:
Reichsminister Rudolf Heß, der Stellvertreter von Reichsführer
Adolf Hitler, besucht das Mädellager.
Erneut das "Tagblatt":
"Er sprach sich sehr befriedigt über
das Gesehene und
Gehörte aus."

Hitler-Platz und Schirach-Straße: Das Hochlandlager bei Königsdorf
Leibesübungen, Schießen und Geländedienst
Jeweils 20
Tage lang halten sich die Hitler-Jungen, die aus
ganz Deutschland
kommen, im Hochlandlager auf.
Ausbildung und auch Verwaltung
des Zeltlagers sind präzise festgelegt.
Geschult werden 10- bis
14-jährige Buben, die Pimpfe, ältere Jugendliche
bis zu 18 Jahren und
paramilitärische Spezialgruppen wie die Flieger,
die
Nachrichter, die Feldschere, die Marine-HJ, die Motor-HJ
und die
Streifendienste.
Für
die Jüngsten bedeutet das Lagerleben an der Rothmühle
vor
allem Spaß. Auf dem Programm stehen Leibesübungen, Spiele,
der Geländedienst und eine Ausflugsfahrt. Die über
14-jährigen
lernen obendrein noch Schießen und den
Luftschutz.
Ordnung steht an allerhöchster Stelle: Gedrillt
werden die Kinder
schon bei der Aufteilung in Lagermannschaften,
bei
der Lagereinrichtung und der Lagerräumung.
Im
Lager gibt es ein eigenes Postamt, ein Fundbüro und -
bei bis zu
8000 Bewohnern ein Muss - auch eine Materialverwaltung
und ein
Lebensmitteldepot. Auch die Verwaltung ist durchorganisiert:
Der Lager-Oberleitung untergeordnet sind vier Lagerbanne, fünf
Lagergefolgschaften, drei Lagerscharen und vier Lagerkameradschaften.
Gemeinsam
organisiert werden unter anderem die Erholungsfürsorge,
Feste
und Feiern, eine weltanschauliche Schulung, ein Sanitäts-
und
ein Sicherheitsdienst sowie Führungen und Besichtigungen.
Nichts,
aber auch gar nichts bei der Erziehung der Jungen zu
tüchtigen
Zöglingen von Führer Adolf Hitler wird dem Zufall
überlassen.
Auch die Anreise ist genau festgelegt. Wer mit der
Bahn kommt,
steigt in Bad Tölz aus und marschiert von dort aus
elf Kilometer,
oder aber der Isartal-Bahnhof in Beuerberg ist
Endstation:
Das bedeutet neun Kilometer Fußmarsch.

Alles in Reih und Glied: Das Hochlandlager der Hitlerjugend, anno 1935.
Ausbildung an den Waffen
Kurz vor Beginn des Polen-Feldzugs, der den Zweiten
Weltkrieg einläutet, wird1939 im Deutschen Reich die
Jugenddienstpflicht eingeführt.
Aus dem HJ- und dem BDM-Lager
Hochland wird das WE-Lager,
das Wehrertüchtigungslager.
Angehörige
der Wehrmacht und der Waffen-SS bilden die Jugendlichen militärisch
aus. Ein damals 16 Jahre alter Teilnehmer an einem solchen WE-Lager -
er kommt aus Wasserburg - berichtet über die Schulung
im Sommer
1944:
"Am
Tölzer Bahnhof warten schon die künftigen Ausbilder auf
uns.
Der erste raue Kasernenton, mit allerhand Kraftausdrücken
gewürzt,
zum Teil mit gemeinsten persönlich beleidigenden
Ausdrücken,
mischt sich in den vorwinterlichen Wind.
Einer
von uns will seinen Koffer zur Erleichterung an einer Schneestange
über der Schulter tragen. Kaum hat ein Kapo das gesehen,
schlug
er ihm seinen Koffer mit einem wüsten Anpfiff vom Tragestangl.
Nach zwei Stunden Fußmarsch gelangen wir ins Lager."
Jeder Tag beginnt um 5.30 Uhr mit einer Weckfanfare.
Ein Vater beschwert sich beim Lagerleiter über den Drill.
Die Antwort ist harsch: "Nehmen Sie Ihren Sohn ruhig nach Hause mit,
auf Muttersöhnchen legen wir keinen Wert."
Die
Jugendlichen tragen blaue Uniformen. Es gibt Unterricht in
Waffenkunde, Karte und Kompass, Zielansprache und
Geländebeschreibung.
Zweimal in der Woche ist politischer
Unterricht im Speisesaal angesagt.
Am
Ende der Ausbildung müssen die Buben den "K-Schein"
ablegen,
eine Prüfung über den Umgang mit den
verschiedensten Waffen -
von Karabiner und Pistole über Granaten
und Minen bis zu Panzerfaust
und dem Gewehr-Granat-Gerät.
Der
große Aufwand hat natürlich seinen Zweck: Nach den
dreiwöchigen Kursen im "HoLaLa" (Hochlandlager) gelten
die Kinder und Jugendlichen
als kriegstauglich. Von 1943 an werden
sie als Luftwaffenhelfer eingesetzt. Bei Fliegeralarm müssen
sie an die Flugabwehrgeschütze.
"Mit
der militärischen Ausbildung wird nicht weniger die politische
Beeinflussung und Schulung massiv betrieben. Das Verhalten des
Lagerleiters ist sehr fanatisch und ebenso antireligiös",
schreibt der 16jährige Hitler-Junge.
"Das
kameradschaftliche Verhalten der Lehrgangsteilnehmer ist
im Allgemeinen gut. Es gelingt der Lagerleitung allerdings einmal,
dass
sich einzelne zu tätlichen Ausschreitungen gegeneinander
aufhetzen lassen. Über seine antikirchliche Einstellung äußert
sich der stellvertretende Lagerleiter, ein Zugführer sehr
deutlich. (...)
Ein anderes Mal sagt er, es sollen Witze erzählt
werden,
bei denen es über die Pfarrer geht. Aber es meldet sich
keiner."
Die ideologische Schulung erfolgt durch Liedersingen und Theaterspiele: Gesungen werden Lieder wie diese: "Fort mit allen, die noch klagen,
die mit uns den Weg nicht wagen. Fort mit jedem schwachen Knecht,
nur wer stürmt, hat Lebensrecht."
Ausflüge
ins Gelände sind ein wichtiger Bestandteil der Schulung:
"Bei
einem Feldkreuz wird Halt gemacht. Feldwebel Pritzl fragt, was das
ist.
Es meldet sich keiner. Schließlich sagt dann einer nach
längerem Zögern: ,Das ist ein Feldkreuz. Darauf antwortet
Pritzl: ,Weißt, was das ist?
Ein Kitsch ist das. Da hängt
man einen Juden hin."
Mit Koppeln und Riemen verdroschen
Wer
sich nicht an die Regeln hält wird bestraft: "Einer der
Lehrgangsteilnehmer aus Miesbach schreibt 1944 in einem Brief
über
die schlechte Behandlung nach Hause: ,Wir wissen nicht,
wann der Kurs
aus sein wird, in drei oder vier Wochen.
Ich weiß es nicht,
weil uns die 'braune Bande' immer anlügt."
Der
Brief wird bei einer Kontrolle gelesen. Der Miesbacher bekommt einen
schweren Tadel vom Lagerführer: "Dann müssen alle
antreten.
Es wird gefragt, ob das Geschriebene wahr ist. Natürlich
wagt keiner,
ein Wort zu antworten.
In
einer der nachfolgenden Nächte tritt dann die Kameradenjustiz,
aufgestachelt durch den Hauptscharführer, in Aktion. Der
Straffällige wird 'gewickelt' und dann mit Koppeln und Riemen
verdroschen und geschlagen. Durch die massive Züchtigung läuft
der Betroffene ein paar Tage
ziemlich angeschlagen herum. Er ist eine
Zeitlang dienstunfähig."
Bei
einem anderen Lagerteilnehmer, der sich ebenfalls abfällig über
die Schulung im Hochlandlager äußert, wird die
politische Einstellung
der Eltern überprüft. Der
Lagerführer erwägt sogar, den Jugendlichen
bei einer
Scharfschieß-Übung durch einen vorgetäuschten Unfall
umbringen zu lassen.
Wer
sich als Kriegsfreiwilliger meldet, wird bevorzugt behandelt: "In
der Marschkolonne schreiten diese vorweg. Umso mehr sind die anderen
Schikanen ausgesetzt. Manche lassen sich überreden und
unterschreiben mehr oder weniger unter Zwang."
Der
psychische Druck ist enorm. Jeder einzelne dieser Buben ist
seinem
jeweiligen Vorgesetzten bedingungslos ausgesetzt.
Zwar besteht ein
Beschwerderecht beim Lagerführer.
Aber dieses auszunutzen,
"hieß, auf sich selber schießen,
und die Ausbilder
hätte man erst recht gegen sich aufgehetzt.
Natürlich gab
es auch Strafübungen und Strafexerzieren -
zum Beispiel dann,
wenn man schlecht geschossen hat.
Dann wurden wir in den Wald gejagt
und mussten manchmal
auch durch Drecklöcher robben."
Dokumentation: Die besorgten Mütter
Im August 1934 erscheinen im Königsdorfer HJ-Lager zwei Ausgaben einer Lagerzeitung. Die Artikel darin geben einiges vom Selbstverständnis der damaligen Zeit wieder. Darum einige Kostproben:
"Es
gibt zwei Arten Mütter. Zuerst jene, die ihren Jungen nichts in
den Weg legen, die einer harten männlichen Erziehung zugetan
sind
und ihre Jungen richtig austoben lassen. Die andere Art,
der wir
Jungen ganz besonders zugetan sind, ist die, die ihren
verehrten Sohn
als ein überaus zerbrechliches Glasgebilde ansehen,
das gar
nicht zart genug angefasst werden kann. Schrecklich muss so
ein 'Glasperlenleben' sein.(...) Klar und deutlich sehen wir den
Unterschied:
Hier Junge, da Knabe."
Dokumentation: Ein Morgen im Hochlandlager
Lagerromantik:
"Allmählich verblaßt der leuchtende Vollmond am
Himmel,
die Sterne verschwinden und die junge Morgensonne kämpft
sich
mühsam durch die dicken Schwaden der Talnebel.
Wie Pilze
tauchen die Spitzen der grauen Zelte aus dem Nebelmeer.
Ein
schmetterndes Fanfarensignal durchschneidet
den erwachenden Morgen und
bringt in die einzelnen Zelte Bewegung.
Hier schaut ein Kopf verstohlen durch den Zeltschlitz.
Dort erscheinen zuerst zwei lange
Beine unter den grauen Planen,
denen langsam und gewunden dann der
übrige Körper folgt.
Überall
kommt nun Leben in die Landschaft. Nur mit der Turnhose
oder mit
einem Trainingsanzug bekleidet beginnen einzelne Gruppen
mit der
Morgengymnastik. Andere springen mit flatterndem Handtuch
zum nahen
Bache. Dort machen einige nach Vorschrift von Pfarrer Kneipp einen
exakten Stilllauf im frischen Morgentau.
An
der Verpflegungsstation ist gerade die warme Morgenration
angekommen.
Auf großen Handwagen stolpern schwere Zinnkübel
ihrem
Bestimmungsort zu. In langen Reihen warten bereits junge Pimpfe
und
Jungens und stürzen sich mit starkem Appetit auf den
dampfenden
Morgenimbiss. Überall sieht man mampfende, kauende
Gesichter lachend ihre rundlichen Bäuchlein streichen,
die ein
beredtes Zeugnis, von dem von Heimwehbrüdern
verbreiteten
Hochlandhunger ablegen.
Ein
dreimal langgezogener Pfiff ruft nun auch noch die letzten
verdauenden Gestalten aus den Zelten, die Scharen treten an. Stramm
und schneidig meldet der Scharführer dem Sportlehrer die
Antrittsstärke
seiner Abteilung und übergibt sie ihm zur
Ausbildung.
Mit dem Lied 'Volk und Gewehr' zieht sie ab.
Von allen
Seiten marschieren singende Abteilungen zum Übungsplatz."
Dokumentation: Der Sonne entgegen
Propaganda
und Leibesertüchtigung: "Aus Anlass des gigantischen
Sieges des Deutschen Volkes über Hader und Zwietracht
marschierte
in der Nacht von Sonntag auf Montag die gesamte
Lagerbesatzung
des Hochlandlagers in einem Reisemarsch nach Murnau.
Es sollte dies Ausdruck des Kampfwillens der HJ sein.
Am 30. Januar
33 war die Nation aufgebrochen,
heute marschiert sie weiter in den
Morgen
des jungen nationalsozialistischen Deutschlands."
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Hintergrund: Der Gruß
"Der Gruß trägt sehr viel zur Beurteilung der gesamten Organisation und des einzelnen Hitlerjugend in der Öffentlichkeit bei. Ein Junge, der gut grüßt, fällt angenehm auf. Dem dauernden Hinweis auf das gute Grüßen und der dauernden Übung des Grußes ist deshalb besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

So wollte ER den Gruß haben.
Wie wird gegrüßt? In der HJ gibt es keinen Unterschied zwischen einem kameradschaftlichen und einem militärischen Gruß. Es wird immer straff und in guter Haltung gegrüßt. Der Arm ist gestreckt, die Finger sind in Augenhöhe. Der Gruß beginnt drei Schritte vor dem zu Grüßenden und endet zwei Schritte nach dem zu Grüßenden."